130 Jahre Leben mit dem Automobil – Pionierfahrt & Attentat


Am 29. Januar 2016 feiert das Automobil offiziell seinen 130. Geburtstag. Der Mannheimer Ingenieur und Erfinder Carl Benz meldete am 29. Januar 1886 seinen „Patent Motorwagen Nummer 1“ als Deutsches Reichspatent mit der Nummer 37435 zum Patent an. Das erste fahrtaugliche Auto unternahm am 3. Juli 1886 seine erste Probefahrt und erhielt am 2. November des gleichen Jahres offiziell sein Patent. Neben dem Buchdruck, der Dampfmaschine und dem Computer gilt das Auto als diejenige technische Errungenschaft der Neuzeit, die die Geschichte der Menschheit am nachdrĂŒcklichsten beeinflusst hat.

 

Familie Benz unterwegs (1895). Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

Familie Benz unterwegs (1895).
Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

 

Nikolaus Otto und sein französischer Kollege und Konkurrent, Alphonse-Eugen Beau des Rochas, der das Prinzip des Viertaktmotors bereits 1862 beschrieben hatte, fĂŒhrten erbitterte Rechtsstreitereien, so dass die zustĂ€ndigen Gerichte die Patente am 30. Januar 1886 wieder aufhoben. FĂŒr den Verbrennungsmotor als Antriebsquelle fĂŒr Automobile bedeutete das quasi eine InitialzĂŒndung. Denn ohne Patentschutz stand die Technik ohne Auflagen und GebĂŒhren zur Verwendung fĂŒr alle kĂŒnftigen Autopioniere frei.

FĂŒr Gottlieb Daimler beispielsweise. Der 1834 geborene Ingenieur lernte die Technik als Mitarbeiter in Ottos „Gasmotorenfabrik Deutz“ ab 1873 kennen. Otto hatte Daimler und dessen Mitarbeiter Wilhelm Maybach eingestellt. 1882 zerstritten sich Daimler und Otto und der Schwabe richtete in der Stuttgarter Nachbargemeinde Bad Cannstatt eine eigene Entwicklungswerkstatt ein. Daimler wollte dem Viertaktmotor den schnellen Lauf beibringen – Grundvoraussetzung fĂŒr den Einsatz als Antrieb fĂŒr Fahrzeuge. Nicht nur zu Lande, sondern auch auf dem Wasser.

Seinen ersten Motor meldete Gottlieb Daimler bereits 1883 zum Patent an. Er nutzte Benzin statt Gas als Kraftstoff und zĂŒndete das Gemisch mit einer sogenannten „GlĂŒhrohrzĂŒndung“. Dieser Motor war „schnelllaufend“, denn er erreichte 600 Umdrehungen pro Minute. Ottos Motoren drehten maximal 150 Mal innerhalb von 60 Sekunden. Der endgĂŒltige Durchbruch gelangen Daimler und Maybach 1885. Am 5. April 1885 erhielt ihr 60 Kilo schwerer Motor, der aus 264 Kubikzentimetern Hubraum bei 650 U/min ein halbes PS Leistung entwickelte, das Reichspatent Nr. 43926.

Der Motor kam im gleichen Jahr bereits in einem Zweirad mit StĂŒtzrĂ€dern zum Einsatz. Dem „Reitwagen“, den Daimlers Sohn Paul am 10. November 1885 als erstes Fahrzeug mit Verbrennungsmotor ĂŒberhaupt fuhr. Im FrĂŒhjahr 1886 lenkte Daimler das erste Boot mit Motorantrieb ĂŒber die Fluten des Neckars und begann eine Kutsche, die er am 8. MĂ€rz fĂŒr seine Frau bestellt hatte, mit einem Motor auszustatten. Damit war das erste vierrĂ€drige Auto geboren, das Ende 1886 seine ersten Meter zurĂŒcklegte. Allerdings ein paar Monate zu spĂ€t, um dem Kollegen Carl Benz die Ehre des erste fahrbaren Automobils streitig zu machen.

 

Opel Patent Motorwagen System Lutzmann 1899. Foto: Auto-Medienportal.Net/Opel

Opel Patent Motorwagen System Lutzmann 1899.
Foto: Auto-Medienportal.Net/Opel

 

Seit jenen Tagen beschĂ€ftigt die Frage die Autoexperten, welcher der beiden Pioniere der bedeutendere im Hinblick auf die Entwicklung des Automobils war. Begegnet sind sich Daimler und Benz im wahren Leben wahrscheinlich höchstens einmal und verkehrten ansonsten nur ĂŒber AnwĂ€lte, weil Daimler sein Patent der GlĂŒhrohrzĂŒndung durch Benz verletzt sah. FĂŒr Daimler sprechen seine richtige EinschĂ€tzung des vierrĂ€drigen Automobils, seine tragfĂ€higeren und erfolgreicheren Motorkonzepte und seine unternehmerischen FĂ€higkeiten. Benz dagegen war der innovativere Geist. Im gebĂŒhrt nicht nur der Lorbeer fĂŒr das erste Auto, sondern auch fĂŒr die Entwicklung weiterer unverzichtbarer Komponenten wie Schaltgetriebe mit Kupplung, WasserkĂŒhler, Differential und Achsschenkellenkung.

 

Carl Benz mit Familie (1894). Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

Carl Benz mit Familie (1894).
Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

 

FĂŒr den Mannheimer Carl Benz galt zudem in besonderem Maße: Neben einem erfolgreichen Mann steht immer eine starke Frau. Bertha Benz geborene Rieger (1849–1944), sicherte mit ihrer Mitgift nicht nur das wirtschaftliche Überleben ihres unternehmerisch eher glĂŒcklos agierenden Gatten, sie „schmiss“ den Haushalt mit fĂŒnf Kindern und stĂ€rkte ihrem Mann auch unbeirrt moralisch den RĂŒcken. Was ihr Ruhm in der Geschichte des Automobils sicherte, war 1888 ihre Pionierfahrt, die den Beweis antrat, dass das Auto nicht nur ein technischer Gag, sondern ein zukunftsfĂ€higes Transportmittel war. Bertha Benz schnappte sich ihre Söhne Eugen und Richard und den dritten Wagen ihres Mannes, um von Mannheim aus ihre Familie in Pforzheim zu besuchen.

 

1888, im Jahr der Fernfahrt von Bertha Benz, erscheint auch der erste zeitgenössische Bildbericht ĂŒber eine Fahrt mit dem Benz Patent-Motorwagen Modell 3 in der Leipziger „Illustrierten Zeitung“ vom September 1888. Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

1888, im Jahr der Fernfahrt von Bertha Benz, erscheint auch der erste zeitgenössische Bildbericht ĂŒber eine Fahrt mit dem Benz Patent-Motorwagen Modell 3 in der Leipziger „Illustrierten Zeitung“ vom September 1888.
Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

 

Die erfolgreiche Reise an einem Tag und die glĂŒckliche RĂŒckkehr Tage spĂ€ter bestĂ€tigte die Tauglichkeit des Autos, deckte aber auch die SchwĂ€chen auf und legte offen, wie viele HĂŒrden das junge Auto noch ĂŒberwinden musste, um sich wenigstens auf Augenhöhe von Pferdekutschen bewegen zu können. Die ZuverlĂ€ssigkeit der meisten Komponenten war erbĂ€rmlich und Kraftstoff unterwegs nicht verfĂŒgbar. Ohne Waschbenzin einer Ladenburger Apotheke wĂ€re die erste Fernfahrt eines Autos gnadenlos gescheitert.

 

Weiterentwickelter Motorwagen von Benz (1887). Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

Weiterentwickelter Motorwagen von Benz (1887).
Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

 

Doch die Idee des Automobils, ob praxistauglich oder nicht, hatte sich in den Köpfen innovativer Geister in allen modernen Nationen festgesetzt. In Amerika, Frankreich, aber auch in DĂ€nemark werkelten TĂŒftler an ersten Automobilen. Der unternehmerisch orientierte Gottlieb Daimler beschleunigte die Entwicklung des Autos in seinen Kindertagen dabei auf zwei Wegen. Er begann seine Autos erfolgreich zu exportieren und vergab großzĂŒgige Lizenzen fĂŒr seine Entwicklungen. So konnte beispielsweise Daimler seinen Weg als Ă€ltester Autohersteller in England beginnen oder Peugeot mit Daimler-Patenten seine Autofertigung starten.

 

Peugeot Typ 1 nach Daimler-Lizenz (1889). Foto: Auto-Medienportal.Net/Peugeot

Peugeot Typ 1 nach Daimler-Lizenz (1889).
Foto: Auto-Medienportal.Net/Peugeot

 

Bereits 1891 landete Daimler seinen nÀchsten Coup, indem er den ersten Lastwagen vorstellte, der 2,5 Tonnen bewegen konnte. 1897 lief zum ersten Mal das Konzept des Verbrennungsmotors, das sich bis heute neben dem Otto-Motor im Automobilbau erfolgreich etabliert hat, der Dieselmotor, der es allerdings erst 1924 zum Fahrzeugantrieb in einem Lastwagen brachte.
Um sich dauerhaft als leistungsstarke und komfortable Antriebsquelle etablieren zu können, entstand kaum zehn Jahre nach der Erfindung des Autos der erste Zwei-Zylinder-Motor. Carl Benz entwickelte dafĂŒr das Prinzip des Boxer-Motors. 1898 baute Daimler seinen ersten Vierzylinder. Im gleichen Jahr verĂ€nderte die französische Erfindung des StoßdĂ€mpfers die Fahrwerksentwicklung entscheidend, ebenso die Entwicklung des luftgefĂŒllten Reifens durch den Schotten John Boyd Dunlop (1840–1921). 1902 stellte der amerikanische Hersteller Packard die H-Schaltung fĂŒr die KraftĂŒbertragung vor.

 

Henry Ford mit seinem ersten Fahrzeug (r.), dem Quadricycle von 1896, und dem zehnmillionsten Auto. Foto: Auto-Medienportal.Net/Ford

Henry Ford mit seinem ersten Fahrzeug (r.), dem Quadricycle von 1896, und dem zehnmillionsten Auto.
Foto: Auto-Medienportal.Net/Ford

 

1905 prĂ€sentierten bei der Internationalen Automobilausstellung in Berlin bereits 300 internationale Aussteller ihre Produkte. Vier Jahre spĂ€ter debĂŒtierte der erste V8 durch den französischen Hersteller De Dion. 1907 revolutionierte Henry Ford mit der EinfĂŒhrung des Fließbands die industrielle Fertigung im Allgemeinen und die Autoproduktion im Besonderen. Zwei Jahre spĂ€ter fiel die Grenze von 200 km/h bei der Höchstgeschwindigkeit.

 

FrĂŒhe Fließbandproduktion bei Ford. Foto: Auto-Medienportal.Net/Ford

FrĂŒhe Fließbandproduktion bei Ford.
Foto: Auto-Medienportal.Net/Ford

 

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs hatte sich das Auto mit Gasmotor in allen Industrienationen durchgesetzt. Noch war es kein Fortbewegungsmittel fĂŒr breite StĂ€nde, aber die Faszination der Technik ĂŒberstrahlte alle Schichten der Bevölkerung. Das Auto hatte ein durchweg positives Image. Es verkörperte Fortschrittlichkeit, Faszination, zog die Massen mit immer kĂŒhneren Wettfahrten und einer wachsenden Zahl von Rundstreckenpisten in Bann.

Seine optimistische Unschuld verlor das Automobil am 28. Juli 1914 mit der KriegserklĂ€rung Österreich-Ungarns an Serbien, dem am 1. August das deutsche Kaiserreich folgte. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs sah sich das Automobil plötzlich in die Rolle der tragenden SĂ€ule einer neuartigen technischen KriegsfĂŒhrung gedrĂ€ngt, wie sie die Welt noch sie gesehen hatte.

 

Text: Thomas Lang