60 Jahre: Fiat 600 versus Seat Mii


In Spanien herrschte der faschistische Diktator Francisco Paulino Hermenegildo Te贸dulo Franco y Bahamonde Salgado Pardo, die Inflation hielt die Wirtschaft in Atem. In dieses Umfeld hatte die Politik 1950 ein Leuchtturm-Projekt gesetzt, die Sociedad Espa帽ola de Autom贸viles de Turismo, S.A. (Spanische Gesellschaft f眉r Pkw) im Industriepark Barcelonas, der Zona Franca. Das Kapital kam zu 51 Prozent vom Staat, zu 42 Prozent von spanischen Banken und zu sieben Prozent von Fiat. Eines der ersten Produkte war 1957, vor 60 Jahren, der Seat 600, baugleich mit dem zwei Jahre 盲lteren Fiat 600. Heute hei脽t der kleinste Seat 鈥濵ii鈥. Ein Vergleich der beiden Einsteigermodelle 鈥 mit 60 Jahren automobiler Fortschritt-Differnez.

Franco ist Geschichte, die Inflation von damals bew盲ltigt und Fiat hat die Gesellschaft l盲ngst verlassen. Seit 1986 geh枚rt Seat zum Volkswagen Konzern. Das gibt dem Vergleich noch mehr W眉rze als nur die Unterschiede zwischen den Modelljahren. Werfen wir also einen Blick auf den Seat Mii, der seit sechs Jahren auf dem Markt ist, und den Seat 600, der 鈥 im doppelten Sinn 鈥 aus einer anderen Epoche stammt. Wo gibt es trotz der Altersdifferenz noch Spuren der Vergangenheit?

Obwohl der Seat Mii als Kleinstwagen das zierlichste Modell des spanischen Herstellers ist, 眉berragt er den Seat 600 in allen Dimensionen: Der Oldtimer ist 3,29 Meter lang und damit ganze 27 cm k眉rzer als der 3,56 Meter lange Seat Mii. Auch bei der Breite (1,38 Meter gegen 1,64 Meter) und der H枚he (1,40 Meter gegen 1,48 Meter) zieht der Seat 600 den K眉rzeren. Ein Blick in den Kofferraum zeigt aber, dass der verf眉gbare Stauraum mit den Jahren nicht nur gr枚脽er geworden ist: Beim Seat 600 mit Motor und Antrieb am Heck befand sich der Kofferraum n盲mlich vorn und hatte ein Fassungsverm枚gen von 68,5 Litern. Der Mii bietet einen Kofferraum von insgesamt 238 Litern, mehr als dreimal so gro脽 wie in einem 600er.

Eine Richtungs盲nderung gab es bei den T眉ren: Eines der charakteristischen Merkmale des Seat 600 sind die hinten angeschlagenen T眉ren. Die sogenannten Selbstm枚rdert眉ren wurden 1961 in Deutschland verboten. Sie waren beim Ein- und Aussteigen zwar bequemer, allerdings wurden sie bei unbeabsichtigtem 脰ffnen w盲hrend der Fahrt nicht durch den Fahrtwind zugedr眉ckt, sondern aufgerissen und eventuell sogar 眉berdreht.

Dies konnte vor allem dann schlimme Folgen haben, wenn die Insassen nicht angeschnallt waren 鈥 und dies war in den ersten Modellen des Seat 600 gar nicht m枚glich, denn Sicherheitsgurte oder Kopfst眉tzen geh枚rten nicht zur Ausstattung. Das ist heutzutage nat眉rlich unvorstellbar 鈥 auch im Seat Mii, der im Euro-NCAP-Test f眉nf Sterne erhalten hat. Neben den inzwischen selbstverst盲ndlichen und gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitselementen verf眉gt der City-Flitzer 眉ber vier Airbags und moderne Sicherheitssysteme wie den Notbremsassistenten, der Hindernisse automatisch erkennt und Kollisionen verhindert. Vor einem halben Jahrhundert war eine solche Technologie noch v枚llig undenkbar.

Auch an eine Servolenkung oder eine Klimaanlage war in den 50er-Jahren noch lange nicht zu denken. Das Einparken eines Seat 600 erforderte dennoch keine kr盲ftigen Arme, denn das Gewicht des Wagens lag schlie脽lich auf der Hinterachse. Da brachte der spanische Hochsommer seinen Fahrer schon eher ins Schwitzen. Offene Fenster waren die einzige M枚glichkeit zur K眉hlung. Alle Fenster lie脽en sich herunterkurbeln. Im Seat Mii hingegen hilft heute eine elektrohydraulische Servolenkung. F眉r ertr盲gliche Temperaturen sorgt eine Klimaanlage.

Ein weiterer Unterschied besteht in der Fertigungsdauer: Insgesamt rund 800 000 Seat 600 wurden zwischen 1957 und 1973 gefertigt. Die Produktion einer Fahrzeugeinheit dauerte damals mehr als 40 Stunden. Ein Seat Mii oder ein anderes aktuelles Modell ist im Schnitt schon nach 16 Stunden fertig 鈥 und das trotz der deutlich erh枚hten Komplexit盲t.

Nicht zuletzt haben die beiden Modelle in ihrer Epoche eine v枚llig unterschiedliche Bedeutung: Der Seat 600 wurde selbstverst盲ndlich auch f眉r l盲ngere Reisen hergenommen. Auto war Auto, und das Stadtauto etwa als Zweitwagen war kein Thema. Man besa脽 das Auto, das man sich leisten konnte 鈥 neu oder gebraucht. Auf diese Weise trug der Seat 600 vor 60 Jahren dazu bei, Spanien mobil zu machen. Er ver盲nderte das Mobilit盲tsverhalten der Mittelklasse grundlegend und sorgte daf眉r, dass nun eine ganze Familie in den Urlaub fahren konnte.

Nicht nur aufgrund des 眉berschaubaren Platzangebotes w盲re das heutzutage wohl undenkbar, denn bei einer Leistung von nur 21,5 PS und einer H枚chstgeschwindigkeit von 95 km/h war man damals entsprechend lange unterwegs. Der durchschnittliche Verbrauch des Seat 600 von rund acht Litern w盲re heute f眉r einen Kleinstwagen ebensowenig zeitgem盲脽. Mit seinen acht Litern war der 600er damals sogar vorbildlich sparsam. Einen VW K盲fer mit 34 PS unter zw枚lf Litern 眉ber 100 km zu bewegen, stellte die viel gr枚脽ere Herausforderung dar.

Ein aktueller Mii k枚nnte damit fast drei Mal so weit fahren. Der Seat Mii 1.0 MPI Start&Stop (Kraftstoffverbrauch, kombiniert: 4,1 l/100 km; CO2-Emission, kombiniert: 97 g/km; CO2-Effizienzklasse: B) verf眉gt 眉ber eine Leistung von 75 PS / 55 kW. Aufgrund einer H枚chstgeschwindigkeit von 172 km/h ist man theoretisch fast doppelt so schnell am Ziel wie mit dem Seat 600. Noch verbrauchsfreundlicher f盲hrt man mit dem Seat Mii 1.0 MPI Ecofuel, der mit komprimiertem Erdgas (CNG) angetrieben wird.

Neben dem Seat Mii bilden der Skoda Citigo und der Volkswagen Up! die Familie neuer Kleinfahrzeuge im Volkswagen Konzern. Die drei sind ein fr眉hes Beispiel im VW-Konzern f眉r Baureihen verschiedener Marken des Konzerns auf einer gemeinsamen Architektur. Das ist vermutlich die einzige Erinnerung an die Entstehung der ersten Generation des Seat 600, der ja technisch identisch mit dem Fiat 600 war. So etwas nannte man sp盲ter Badge-Marketing, weil nur die Markenzeichen umgeklebt wurden. Inzwischen wei脽 man鈥檚 besser. Auf gleicher Architektur entstehen heute im Konzern eigenst盲ndige Modelle, mit Technologien aus dem Konzernregal und dem Design, das zur Marke passt.

Der Seat Mii hat inzwischen auch schon sechs Jahre auf dem Buckel. Und auch seine 鈥濾盲ter鈥 werden wieder dazugelernt haben. Das Erscheinungsbild und der Charakter werden den zuk眉nftigen Mii noch mehr von seinen Nachbarn im Konzern unterscheiden als heute.