Mit dem Taxi in den Krieg


Vor hundert Jahren wurden erstmals Autos fĂŒr eine Offensive eingesetzt – Pariser Taxis rollten an die Marne.

Der Erste Weltkrieg hatte im August 1914 begonnen, die Deutschen rĂŒckten erfolgreich vor – bis an die Marne, etwa fĂŒnfzig Kilometer vor Paris. Der französische MilitĂ€rgouverneur hatte Probleme, seine Truppen zur Front zu bringen, die meisten Soldaten standen am Rhein, ZĂŒge wurden fĂŒr die Evakuierung von Zivilisten gebraucht und zu Fuß bewegte sich die französische Armee einfach zu langsam.

Am 1. September 1914 ließ der französische Generalstab alle in Paris verfĂŒgbaren Autos einziehen. Das waren zu dieser Zeit nahezu alles Taxis – Experten sprechen von rund zehntausend Fahrzeugen in der französischen Hauptstadt. Wirklich fahrbereit aber schienen nur etwa dreitausend, denn die meisten Fahrer waren einberufen worden.
Als Taxis wurden in Paris Panhards, ClĂ©ment-Bayards und Peugeots genutzt, seit 1905 aber waren vor allem Renault Typ AG 1 mit Viertaktmotor im Einsatz – als ‚voiturettes‘ bekannt. Erst der Taxameter sorgte ĂŒbrigens fĂŒr die Umbenennung – und die Berechenbarkeit des Fahrpreises machte das Taxi zum beliebten Transportmittel: TagsĂŒber zahlten FahrgĂ€ste 75 Centimes fĂŒr die ersten 1200 Meter, alle 400 Meter kamen weitere zehn Centimes dazu. Nachts kostete die Fahrt doppelt soviel. Beim Renault Typ AG 1 sitzen drei FahrgĂ€ste geschĂŒtzt, der Chauffeur dagegen im Freien. Mit einem acht PS -Motor, der rund sechs Liter Benzin auf hundert Kilometer verbrauchte, konnte der Wagen bis zu 56 km/h fahren.

 

 

 

 

Am frĂŒhen Morgen des 6. September, so steht es in GeschichtsbĂŒchern in Frankreichs Schulen, stoppte die Polizei in Paris alle Taxis – Passagiere mussten aussteigen und der Wagen musste zur MilitĂ€rakademie nahe der Place des Invalides im siebten Arrondissement fahren. Von dort starten am Abend 250 Taxis im Schutz der Dunkelheit- die FahrgĂ€ste sind Soldaten: Die Wagen fahren die Truppe ĂŒber die Nationalstraße 2 an die Marne. Rund 1200 Taxis sind unterwegs, bringen bis zum 8. September 6000 Soldaten der siebten Division an die Front. Dass die Operation fĂŒr die MilitĂ€rs erfolgreich war, ist das eine. FĂŒr die Taxifahrer war sie es weniger – ihnen fehlte der Verdienst.
Zumindest zunĂ€chst – doch Chronisten berichten, dass das französische Kriegsministerium die Fahrten spĂ€ter bezahlte: 70102 Francs haben die Taxler demnach insgesamt erhalten – wohl etwa ein Viertel dessen, was sie mit regulĂ€ren Fahrten verdient hĂ€tten.

Doch außergewöhnliche Situationen erfordern eben außergewöhnliche Maßnahmen. Gemessen aber an den Dimensionen des Kriegs ist der erfolgreiche Truppentransport im Taxi nur eine Episode: Die Schlacht an der Marne gehört zu den grĂ¶ĂŸten Kriegsereignissen der Geschichte, sie dauerte bis zum 12. September 2014 und ĂŒber eine Million Soldaten waren beteiligt. Wo heute Disneyland Besucher lockt, kĂ€mpften Franzosen mit verbĂŒndeten Briten gegen die Deutschen. Als die 6000 Soldaten im Taxi an die Front fuhren, ahnte niemand, dass der Krieg noch Jahre dauern und am Ende mehr als zehn Millionen MilitĂ€rs und sieben Millionen Zivilisten das Leben kosten wĂŒrde … in jedem Fall aber war es das erste Mal in der Geschichte, dass Autos bei einer Schlacht eine Rolle spielten.