120 Jahre Motorsportgeschichte mit Stern


Mit dem Doppelerfolg beim Großen Preis von Russland in Sotchi am 12. Oktober, bescherten die beiden Formel-1-Piloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton den Schwaben von Mercedes-Benz die erste Team-Weltmeisterschaft in der Formel 1.

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TEXT: Thomas Lang

Damit schließt sich fĂŒr Merzedes ein Kreis. Bereits der Sieger des ersten Autorennens der Welt, der Franzose Albert Lemaitre, siegte am 22. Juli 1894 bei der Wettfahrt Paris – Rouen mit einem Motor von Daimler.
Die Geburtsstunde des Autorennsports ist exakt bestimmt. Am 22.Juli 1894 versammelten sich 21 Automobile in Paris, um zu ermitteln, wer eine 126 Kilometer lange Fahrt in die nordwestlich gelegene Hafenstadt Rouen am schnellsten absolvieren konnte. Zu diesem ersten Rennen fĂŒr „Wagen ohne Pferde“ hatte die Zeitschrift „Le Petit Journal“ aufgerufen. Die Resonanz auf diese Ausschreibung war enorm. 102 Teilnehmer signalisierten ihr Interesse. Das waren freilich mehr Bewerber als Autos, die zu diesem Zeitpunkt in ganz Frankreich unterwegs waren. Viele Fahrzeuge befanden sich erst in Planung oder in Bau.

Die Veranstalter hatten folgende Rahmenbedingung fĂŒr die Fahrzeuge festgelegt: „Gefahrlos, handlich fĂŒr die Mitreisenden und nicht zu teuer bei den Fahrtkosten“. Diese zu flexibler Auslegung einladende erste Formel sorgte prompt fĂŒr den ersten Einspruch gegen das Endergebnis in der Geschichte des Rennsports. Er traf Albert de Dion und Georges Bouton, die unter dem Jubel von Tausenden von Zuschauern nach sechs Stunden und 48 Minuten und einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 18,6 Kilometern in der Stunde, das Rennen mit einem Vorsprung von dreieinhalb Minuten fĂŒr sich entschieden hatten. Das siegreiche Fahrzeug war jedoch ein aufwendiges Dampfmobil, das die Passagiere in einer Art einachsigem KutschanhĂ€nger wie ein Gespann hinter sich hergezogen hatte.

 

Großer Preis von Frankreich, 1939

 

 

Die Entscheidung der Rennleitung erfreute ganz besonders einen unerkannt an der Strecke harrenden Zuschauer aus Deutschland: Gottlieb Daimler nahm mit großer Freude zur Kenntnis, dass die beiden zu Siegern erklĂ€rten Autos von Peugeot mit seinen Motoren gewonnen hatten.

Motorsport bewegte schnell die Massen. Aus nationalen Veranstaltungen entwickelten sich zur Jahrhundertwende internationale Rennen. Das prominenteste war der „Gordon-Bennet Cup“ ab 1900. Eine Team-Veranstaltung fĂŒr unterschiedliche Nationen. Bereits 1903 konnte Mercedes den ersten Sieg bei diesem Rennen feiern. 1906 begann die Ära der „Großen Preise“. Am 26. und 27. Juni des Jahres fĂŒhrte ein zweitĂ€giges Rennen ĂŒber einen Rundkurs bei Le Mans 32 Teams ĂŒber eine Renndistanz von 1236 Kilometern im Rahmen des ersten „Großen Preises von Frankreich“. ZuverlĂ€ssigkeit der Fahrzeuge war in den Kindertagen des Rennsports die zentrale Aussage der teilnehmenden Unternehmen.

Seit die Daimler-Motorenwerke offiziell ab 1902 als „Mercedes“ firmierten, engagierte sich die Marke mit dem Stern auf breiter Front im internationalen Motorsport. 1908 trug sich der Rennfahrer Christian Friedrich Lautenschlager aus Magstadt erstmals mit einem Mercedes in die Siegliste des Großen Preises von Frankreich ein. 1914 wiederholte er den Erfolg. 1915 war erstmals ein Mercedes Sieger beim amerikanischen Motorsportklassiker „500 Meilen von Indianapolis.“

In den Dreißigern dominierten die „Silberpfeile“ von Mercedes und der konkurrierenden Auto Union den internationalen Rennsport. Das nationalsozialistische Regime hatte den enormen Imagewert des Rennsports erkannt und pumpte Unsummen in die beiden Unternehmen, die die Silberpfeile an den Start brachten. Die Mercedes-Modelle W 125 und W 154 waren technische Meisterwerke. Der W 125 trat 1937 mit 600 PS an. Eine Leistung, die in der Formel 1 erst ab den 1980er Jahre möglich war.
Mit einer Spezialanfertigung des W125 erreichte Rudolf Caracciola am 28. Januar 1938 auf der Autobahn zwischen Darmstadt und Frankfurt eine Geschwindigkeit von 432,7 km/h. Der Rekord des Rennwagens mit Stromlinien-Karosserie und 541 / 736 PS ist auf öffentlichen Straßen bis heute unĂŒbertroffen.

 

 

 

 

 

Bereits 1952 kehrte Mercedes auf die internationale RennsportbĂŒhne mit einem Paukenschlag zurĂŒck: Mit einem Doppelsieg bei den „24 Stunden von Le Mans“. Ob Formel 1 oder Langstreckenrennen wie die italienische „Mille Miglia“ – bis 1955 dominierten die Autos mit dem Stern den internationalen Rennsport. 1954 und 1955 wurde der Argentinier Juan Manuel Fangio Weltmeister mit Mercedes.

FĂŒr die ZĂ€sur beim motorsportlichen Engagement von Mercedes sorgte der schwerste Unfall in der Rennsportgeschichte. Beim den „24 Stunden von Le Mans“ am 11. Juni 1955 raste der Mercedes-Pilot Pierre Levergh nach einer Kollision in die Zuschauermenge auf der Start- und-Ziel-Geraden. Das explodierende Auto riss den Fahrer und 83 Zuschauer in den Tod. Die Verantwortlichen in Stuttgart fassten daraufhin den Entschluss, sich nach der Saison von allen offiziellen AktivitĂ€ten im Rennsport zurĂŒckzuziehen.

In den Sechzigern und Siebzigern rannten Mercedes, dank privatem Engagement, vor allem erfolgreich im Rallye-Sport. Ende der Achtziger des vergangenen Jahrhunderts kehrte Mercedes wieder in den Sport zurĂŒck. Als prĂ€gende Marke in der Deutschen Tourenwagen Meisterschaft mit drei Titeln allein bis 1995. 1989 siegten Jochen Mass, Manuel Reuter und Stanley Dickens fĂŒr Mercedes in Le Mans. 1994 bauten die Schwaben den ersten nicht-amerikanischen Siegermotor fĂŒr die „500 Meilen von Indianapolis“ seit 1919.

In die Formel 1 kehrte Mercedes 1993 als Motorenlieferant zurĂŒck. Seit 2010 firmieren die Schwaben wieder als Werksteam. Mit 112 Grand-Prix-Siegen als Motoren-Lieferant zĂ€hlt Mercedes nach Ferrari, Ford und Renault zu den erfolgreichsten Motorenbauern in der Königsklasse des Motorsports.

Mit dem Team-Titel von 2014 schließt sich der Kreis fĂŒr Mercedes als eine der erfolgreichsten Rennsportmarken der Geschichte.