Ferrari Oldtimer sorgt fĂŒr Zoff


Nicht immer ist die ErfĂŒllung eines Traums auch das Ende einer langen Reise der Sehnsucht. Wer fĂŒr Ferrari-Rennwagen schwĂ€rmt wird den Schmerz des heutigen Besitzers nachvollziehen können.

ampnet_photo_20150719_102433a

Ein beispielloser Rechtsstreit um ein Fahrzeug ist seit Jahren entbrannt. Dabei begann alles ganz unspektakulÀr.
Im Jahr 1958 kaufte der Amerikaner Karl Kleve fĂŒr 2500 Dollar das ausgebrannte Wrack eines Ferrari-Rennwagens. 1958 hatte Karl Kleve dem Rennfahrer und Erben der PapiertĂŒcher-Dynastie Kleenex, Jim Kimberly, fĂŒr 2500 Dollar die ausgebrannten Überreste eines Ferraris abgekauft. Es waren die die Reste eines Ferrari 375 Plus aus dem Jahr 1954, von dem damals nur fĂŒnf von Pininfarina entworfene Exemplare fĂŒr die Sportwagen-Weltmeisterschaft exklusiv fĂŒr Ferrari-Werksfahrer gebaut worden waren (V12-Triebwerk mit fĂŒnf Litern Hubrtaum, 242 kW/330 PS, Sieger der 24 Stunden von Le Mans und der Carrera Panamerikana 1954).
30 Jahre lang gammelte das Fahrgestell mit der Nummer 0384M dann auf einem AnhÀnger bei Kleve vor sich hin, dann war es plötzlich weg. Karl Kleve meldete den Verlust bei der Polizei und gab an, der Schrotthaufen sei ihm irgendwann zwischen 1985 und 1989 abhandengekommen.

Dass er das genaue Datum nicht beziffern könnte, mag der Tatsache geschuldet sein, dass Karl Kleve ein leidenschaftlicher Sammler war. Die Nachbarn erinnern sich an einen Sonderling. Das GelĂ€nde an der Harrison Avenue in Westwood, einer Vorstadt von Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio, war ein Hort wundersamer Dinge. Als er kurz nach Weihnachten 2003 im Alter von 90 Jahren starb, fanden seine Erben unter anderem eine Vielzahl von Klavieren und KonzertflĂŒgeln, stapelweise Zehn-Dollar- und 20-Dollar-Noten, Magazine, ÖlfĂ€sser, ein Ruderboot der Marine aus dem Zweiten Weltkrieg, die Kabine eines B 24-Langstreckenbombers und etwa 300 Autowracks auf seinem Anwesen.

 

 

 

[tribulant_slideshow gallery_id=“39″]

 

 

 

Irgendwann tauchte das Ferrari-Fragment via Atlanta/USA und vielleicht auch Paraguay im belgischen Antwerpen auf, wo der Zoll es wegen der Diebstahlanzeige aus Cincinnati zunĂ€chst beschlagnahmte. 1990 wurde es aber an L’Exception Automobile, einen belgischen AutohĂ€ndler, freigegeben. Der hatte die Teile – soder oberste Staatsanwalt in BrĂŒssel – in gutem Glauben erworben und konnte nun frei darĂŒber verfĂŒgen. Jacques Swaters, ebenfalls Belgier und Ferrari-HĂ€ndler kaufte die Reste – ahnungslos, dass die Teile aus einem Diebstahl stammten. Dank seiner engen Freundschaft zu Enzo Ferrari wurde, mit dessen Hilfe der Wiederaufbau der Aluminiumkarosserie ĂŒber viele Jahre betrieben.

1999 – vier Jahre vor seinem Tod – gelang Karl Kleve mit Hilfe von Polizei und FBI die Lokalisation seines ehemaligen Rest-Ferraris. Er stattete einen Anwalt mit Vollmachten, Eigentumsurkunde und Pfandrecht aus und erreichte nach einigem Hin und Her, dass Swaters 625 000 Dollar an ihn ĂŒberweisen sollte.

Zehn Jahre spĂ€ter, Kleve und Swaters waren inzwischen verstorben, reichte nun eine Tochter von Swaters Klage vor einem US-Gericht ein. BegrĂŒndung: Kleve habe die Vereinbarungen des Kaufvertrags verletzt, weil er wichtige Einzelteile zurĂŒckbehalten habe. Nun klagten die Töchter gegeneinander, denn Kleves Tochter reichte Gegenklage ein wegen der unbezahlten Rechnung. Kleves Tochter schwört nun, dass ihr Vater das Geld niemals erhalten habe. Außerdem erhoben nun plötzlich zwei weitere KlĂ€ger BesitzansprĂŒche, einer aus Ohio, ein anderer ein US-BĂŒrger aus der Schweiz.

2013 kam es schließlich zu einem Vergleich – alle Parteien einigten sich darauf, das Auto dem renommierten Auktionshaus Bonhams fĂŒr eine Versteigerung im Rahmen des Goodwood Festival of Speed zu ĂŒberlassen und sich anschließend den Gewinn zu teilen. Im gleichen Jahr hatte ein anderer Ferrari 375 Plus bei einer Auktion durch Sotheby’s im kalifornischen Monterey sage und schreibe 9,1 Millionen Dollar (ca. 8,4 Millionen Euro) erzielt. Die Hoffnung war also groß.

In Goodwood ersteigerte Leslie Wexner, milliardenschwerer GrĂŒnder des DamenwĂ€sche-Imperiums Victoria’s Secret, den Ferrari fĂŒr 16,5 Millionen Dollar.

Doch die Freude ĂŒber den Neuerwerb wĂ€hrte nicht lange. Wexner verklagte in Folge das Auktionshaus, weil es versĂ€umt habe, ihn ĂŒber ungeklĂ€rte Eigentumsfragen zu informieren und forderte eine volle RĂŒckerstattung seiner Millionen plus Schadenersatz. Bonhams erhob nun Klage gegen Karl Kleves Tochter Kristine wegen angeblicher VerstĂ¶ĂŸe beim Auftrag zur Versteigerung. Weiter im Spiel der Prozeßlawine: ein paraguayischen AutohĂ€ndler, der drei Tage vor der Versteigerung seinerseits BesitzansprĂŒche erhoben haben soll.
SĂ€mtliche Klagen in diesem Zusammenhang wurden nun nach 16 Jahren in London zusammengelegt. Die nĂ€chste Anhörung ist fĂŒr September geplant. „Dieses Fahrzeug ist heute zusammen mit einer Reihe von anderen ein Teil der Bildenden Kunst geworden“, sagt Dave Kinney, Herausgeber des amerikanischen Hagerty-Preiskatalogs fĂŒr Oldtimer. Das Ende des Verfahrens in London ist im Hinblick auf die enormen Wertsteigerungen Ă€lterer Ferrari-Modelle besonders spannend. 2014 wurde ein Ferrari GTO von 1962 mit der Chassisnummer 3851GT – ein Unfallwagen – fĂŒr 38,1 Millionen US-Dollar (ca. 35,1 Millionen Euro) durch Bonhams versteigert und wurde dadurch zum bisher teuersten Auto aller Zeiten.