Deutsche Glanzleistung – Erinnerungen zur Mille Miglia


Bei den insgesamt 24 Wettbewerben der Mille Miglia zwischen 1927 und 1957 mussten die Italiener nur dreimal auslÀndischer Konkurrenz den Vortritt lassen.

Mille Miglia (Brescia/Italien), 1. Mai 1955. Die spÀteren Sieger Stirling Moss und Denis Jenkinson vor dem Rennen in ihrem Mercedes-Benz 300 SLR.// Mille Miglia (Brescia/Italy), 1 May 1955. The subsequent race winners Stirling Moss and Denis Jenkinson pictured before the race in their Mercedes-Benz 300 SLR.

Mille Miglia (Brescia/Italien), 1. Mai 1955. Die spÀteren Sieger Stirling Moss und Denis Jenkinson vor dem Rennen in ihrem Mercedes-Benz 300 SLR.//
Mille Miglia (Brescia/Italy), 1 May 1955. The subsequent race winners Stirling Moss and Denis Jenkinson pictured before the race in their Mercedes-Benz 300 SLR.

Zwei Mal hatte Mercedes-Benz und einmal BMW die Nase vorn. Den ersten Sieg eines Nicht-Italieners feierte Rudolf Caracciola aus Remagen am Rhein 1921. Er benötigte fĂŒr die 1000 Meilen von Brescia nach Rom und zurĂŒck mit seinem Mercedes-Benz SSKL genau 16 Stunden, zehn Minuten und zehn Sekunden. Doch aus dem Rennen von einst ist lĂ€ngst eine touristische ZuverlĂ€ssigkeitsfahrt geworden.

Sonnabend, der 26. MĂ€rz 1927. Im historischen Kern der norditalienischen Stadt Brescia in der Lombardei haben sich 77 Rennwagen samt Fahrern und Beifahrern versammelt und warten auf den Startschuss zu einem Wettbewerb, der alsbald zum Klassiker unter den Langstrecken-Straßenrennen werden soll. Vor ihnen liegt ein Weg ĂŒber zumeist unbefestigte Strecken von 1000 Meilen – etwa 1600 Kilometer. Zwei Jahre lang haben vier junge Autofreaks an der Veranstaltung gebastelt, die in Brescia losgehen und auch dort wieder enden soll. Sie wollen damit ihre Heimatstadt zum Zentrum des italienischen Motorsports machen.

ZunĂ€chst findet das Rennen im Großraum Bresscia statt, erst 13 Jahre spĂ€ter wird Rom zum Wendepunkt erklĂ€rt. Sieger des ersten Rennens in drei Etappen ist nach insgesamt 21 Stunden, vier Minuten und 28,2 Sekunden der Mailander Rennprofi Ferdinando Minoia auf einem OM 665 Superba von Officine Meccaniche, einem fĂŒr robuste Sportwagen bekannten Unternehmen aus Brescia, das 1968 von Fiat ĂŒbernommen wird. Das Durchschnittstempo des Gewinners betrĂ€gt 77 km/h.

Von Beginn an nehmen bei den 24 Rennen, die bis 1957 stattfinden, zumeist Italiener auf Alfa Romeo, Ferrari oder Lancia den Siegerpokal mit nach Hause. Nur dreimal können AuslĂ€nder in die Italo-Phalanx einbrechen: 1931, 1940 und 1955 – zweimal auf Mercedes-Benz, einmal auf BMW.
Als erster Fahrer, der nördlich der Alpen geboren wurde, siegt der damals 30jĂ€hrige Rudolf Caracciola aus Remagen am Rhein am 12./13. April 1931 bei dem berĂŒhmten Langstreckenrennen. Er und sein Beifahrer Wilhelm Sebastian legen die 1635 Kilometer in einem Mercedes-Benz Typ SSKL mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 101,1 km/h zurĂŒck.

„Karratsch“ wie er gerufen wurde, gilt als erfolgreichster europĂ€ischer Rennfahrer der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, kehrt danach mit einem Mercedes 300 SL noch einmal nach Brescia zurĂŒck, wo er 1952 bei der Mille Miglia den vierten Platz belegt. Im gleichen Jahr muss er nach einem schweren Unfall beim Großen Preis von Bern seine Rennfahrerkarriere beenden. Bereits im zarten Alter von 15 Jahren hatte er mit Sondererlaubnis den FĂŒhrerschein machenddĂŒrfen. Seine FĂ€higkeit, auch bei schlechtem Wetter schnell und sicher unterwegs zu sein, brachte ihm die Bewunderung seiner Rennfahrerkollegen und den heimlichen Titel „Regenmeister“ ein.

Sein Siegerwagen von 1931 basierte auf dem SSK, der einen kurzen Radstand hatte und damit sehr leicht und wendig war. Der SSKL war noch einmal leichter – dafĂŒr steht das „L“ in der Typenbezeichnung –, er brachte rund 1350 Kilogramm auf die Waage. Das war nicht viel Masse fĂŒr den Kompressor-Sechszylinder mit 7065 Kubikzentimeter Hubraum und einer Leistung von 220 kW / 300 PS: Die Höchstgeschwindigkeit lag bei beachtlichen 235 km/h. Bei der Mille Miglia macht der BMW 328 erstmals 1938 mit dem Sieg in der Wertungsklasse fĂŒr Fahrzeuge mit maximal 2,0 Litern Hubraum auf sich aufmerksam.

Zwei Jahre spĂ€ter folgt der Gesamtsieg fĂŒr Fritz Huschke von Hanstein und Walter BĂ€umer im BMW 328 Mille Miglia Touring CoupĂ© und damit zum zweiten Mal ein Gesamtsiegerpokal fĂŒr einen AuslĂ€nder. Die beiden Deutschen gewinnen ĂŒberlegen in acht Stunden, 54 Minuten und 46,3 Sekunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 166,7 km/h. Die leichte Aluminiumkarosserie ihres Wagens aus besonders dĂŒnnen Blechen war mit einem GitterrohrgerĂŒst versteift und sorgte fĂŒr ein Leergewicht von 700 Kilogramm. Damit hatte es der Sechs-Zylinder-Reihenmotor mit zwei Litern Hubraum und bis zu 99 kW / 135 PS nicht besonders schwer. Das Spitzentempo lag in der Gegend von 220 km/h.

Auch privat fuhr Fritz Huschke von Hanstein zu jener Zeit einen BMW 328, Kennzeichen SS-333. Damit sowie mit entsprechenden Aufklebern drĂŒckte er wĂ€hrend der Nazi-Zeit seine Verbundenheit zur SS aus, deren Mitglied er auch war. In den 1950er Jahren kehrte er – entnazifiziert – erfolgreich auf die Rennstrecken zurĂŒck, wurde spĂ€ter Rennleiter bei Porsche und SportprĂ€sident des Automobilclub von Deutschland (AvD).

1957 wird die Mille Miglia als regulĂ€re Sportveranstaltung wegen zahlreicher UnfĂ€lle eingestellt. Seit 1953 zĂ€hlte sie zur Sportwagen-Weltmeisterschaft. Am Montag, dem 2. Mai 1955, siegt zum letzten Mal ein AuslĂ€nder in Brescia. Stirling Moss und sein Beifahrer Denis Jenkinson sind im Mercedes-Benz 300 SLR zum damals wichtigsten und auch gefĂ€hrlichsten Straßenrennen gestartet und mĂŒssen sich auf 1597 Kilometer der kurvenreichen Strecke ohne grĂ¶ĂŸere Sicherheitsvorkehrungen einer Konkurrenz von 520 anderen Fahrzeugen erwehren. Das gelingt ihnen mit Bravour. Nach 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden winkt die Flagge in Brescia das silberne Auto mit der rot aufgemalten 722 – der Startzeit, wie es bei der Mille Miglia ĂŒblich ist – als erstes ins Ziel.

Es ist eine neue Rekordzeit fĂŒr die 1000 Meilen, die nicht mehr unterboten werden soll: im Durchschnitt 157,65 km/h. Damit ist Moss, der zwar niemals Weltmeister wurde, aber sonst alles gewann, was als Rennfahrer zu gewinnen ist, dort angekommen, wo er hin wollte: im Olymp des Motorsports.
Sein damaliges Dienstfahrzeug war ein Mercedes-Benz 300 SLR, im Gegensatz zum sechszylindrigen Straßenwagen 300 SL mit FlĂŒgeltĂŒren ein offener Zweisitzer mit stromlinienförmiger Karosserie und einem Achtzylindermotor mit drei Litern Hubraum und einer Leistung von 196 kW / 366 PS. Damit schaffte der Wagen bis zu 290 km/h.

2016 findet die Mille Miglia vom Donnerstag, 19. bis zum Sonntag, 22 Mai statt. Traditionell unterstĂŒtzt Mercedes-Benz als Automotive Sponsor das prestigetrĂ€chtige und berĂŒhmte Straßenrennen quer durch Italien auch diesmal. Die Fahrzeugliste der teilnehmenden Wagen made in Stuttgart liest sich wie ein MenĂŒ automobiler Delikatessen: Aus der Epoche der Kompressor-Sportwagen der 1920er- und 1930er-Jahre werden die Typen SS und SSK vertreten sein. Aus den 1950er-Jahren mehrere 300 SL – und zusĂ€tzlich die Typen 180 D, 220 a und 190 SL. Zeugnisse aus dem Jahr 2015 belegen, dass schon bei den originalen 1000 Meilen im Jahr 1956 ein 190 SL mit dabei war. Das französische Fahrerteam Michel Bianco / Jean Loup Pellecuer, Startnummer 347, belegte damals nach einer Fahrtzeit von 16 Stunden, 6 Minuten und 15 Sekunden Platz 121.

Wie seit 1977 ist auch 2016 die Mille Miglia eine ZuverlĂ€ssigkeitsfahrt fĂŒr Oldtimer. Die Route orientiert sich an der historischen Strecke und fĂŒhrt wie einst von Brescia nach Rom und zurĂŒck. Anspruchsvolle WertungsprĂŒfungen erwarten die Teilnehmer und ihre klassischen Fahrzeuge auf den 1000 Meilen. Start und Ziel ist wie immer der Viale Venezia in Brescia. Die erste Etappe fĂŒhrt zunĂ€chst zum Gardasee und dann nach Rimini, am zweiten Tag geht es weiter nach Rom, Tag drei fĂŒhrt nach Parma und die letzte Etappe an Tag vier endet nachmittags gegen halb drei wieder in Brescia.

TEXT: Hans R. Richarz