Willys-Jeeps als Umbauten


Der LĂ€rm ist unbeschreiblich, wenn die Fahrer ungeduldig mit dem Gaspedal spielen. Wenn die Ampel auf GrĂŒn springt, wird der LĂ€rm zum Getöse und die Szene verschwindet im Abgasnebel.

Foto Gregg Manalo

Willkommen in Manila: Anstelle eines herkömmlichen öffentlichen Nahverkehr regieren hier die Jeepneys – und das seit ĂŒber sechs Jahrzehnten.
Es ist der blanke Anachronismus: Basierend auf zurĂŒckgelassenen Fahrgestellen amerikanischer Willys-Jeeps haben die Filipinos eine Art Kleinbus entwickelt mit Karosserien aus Edelstahl, Planen anstelle von Seitenfenstern und lĂ€ngs eingebauten SitzbĂ€nken mit Platz fĂŒr – je nach Baumuster – mehr als 25 Personen. Die technische Basis ist noch gut sichtbar, wenngleich so mancher Jeepney-Besitzer sein GefĂ€hrt mit einem stolzen Mercedes-Stern verziert.

Die stets bunt verzierten, hĂ€ufig mit frommen Symbolen versehenen Jeepneys fahren nicht nur in der Tropenmetropole, sondern im ganzen Land ihre vorgegebenen Routen ab, und rein theoretisch gibt es auch Haltestellen, nach denen sich die Fahrer richten mĂŒssen. In der RealitĂ€t halten sie aber ĂŒberall, wo ein Fahrgast aufgesammelt werden kann, und sie setzen ihn auch nach Wunsch ab. Ist der Fahrer, der oft auch der Besitzer ist, der Auffassung, die KapazitĂ€t sei noch nicht ausgeschöpft, wird das Tempo gerne auf ein Minimum reduziert. Es wird sich schon noch jemand finden, der aufspringt.

Denn auf die Masse der FahrgĂ€ste kommt es an. Eine Mitfahrt ist ausgesprochen gĂŒnstig, beginnend bei umgerechnet knapp 13 Cent; fĂŒr jeden Zusatzkilometer werden gerade mal 2 Cent extra fĂ€llig. Eine Fahrt mit dem Jeepney ist somit viel erschwinglicher als Taxi, Schnellbahn oder auch das „Tricycle“, eines jener kleinen MotorrĂ€der, deren Beiwagen Platz fĂŒr ein oder zwei Passagiere bietet. Und weil die Jeepneys so billig und unkompliziert sind, tun sich wohlmeinende Politiker ausgesprochen schwer damit, ihnen den Garaus zu bereiten, zumal man ihnen durchaus den Status einer kulturellen Ikone zusprechen kann.

So sieht es auch Ed S. Sarao, in dessen Werk in Las Pinas City im SĂŒden von Manila pro Jahr rund 40 der Traditionsmobile nach alter VĂ€ter Sitte zusammengeschraubt werden. „Es waren auch schon einmal 200 bis 300“, erinnert sich der Firmenchef – und zwar in der Marcos-Ära der 70er und 80er-Jahre, fĂŒr sein GeschĂ€ft „eine goldene Zeit“. Nötig hat es der 56-jĂ€hrige nicht mehr: Die Familie hat in Immobilien investiert, die Produktion von Jeepneys ist „eine Art Hobby“. Nebenbei restauriert Sarao amerikanische und japanische Klassiker fĂŒr Kunden und die eigene Sammlung; besonders stolz ist er auf einen ’62er Pontiac, den sein Vater von einem Bekannten fast neu ĂŒbernommen hat.

Jeepneys werden ĂŒberall auf den Philippinen zusammengeschraubt; was die Sarao-Werke auszeichnet, ist ihr guter Ruf und ihre lange Tradition. Deshalb kann es sich die Manufaktur auch erlauben, höhere Preise als die Konkurrenz aufzurufen: FĂŒr einen Jeepney-Bus in Langversion werden hier rund 650 000 philippinische Peso, umgerechnet knapp ĂŒber 12 000 Euro, fĂ€llig. 60 bis 90 Arbeitstage dauert es ab Auftragseingang, bis ein Jeepney abgeholt werden kann; die Modelle entstehen von Grund auf am gleichen Standort, mit schwerem Kastenrahmen, Blattfedern vorn und hinten und einem Aufbau aus Edelstahl, der auf Wunsch mit hochglĂ€nzenden Elementen verziert werden kann.

Unter der Haube stecken typischerweise generalĂŒberholte Isuzu-Dieselmotoren mit vier Zylindern und 3,2 Litern Hubraum. Wieviel die leisten? Sarao will sich nicht ganz festlegen: „FrĂŒher waren es 68 PS, heute werden es rund 80 PS sein“. FĂŒr die KraftĂŒbertragung auf die Hinterachse sorgen manuelle FĂŒnf-Gang-Getriebe. Wer einen nagelneuen Motor unter der Haube möchte, muss einen Aufschlag von bis zu 300 000 Peso, rund 5500 Euro, einkalkulieren.

Doch fĂŒr eine derartige Investition besteht wenig Veranlassung, denn die großvolumigen Maschinen sind ohnehin nicht kleinzukriegen – zumal von Turboaufladung und komplizierten Einspritzsystemen niemand etwas wissen will. Eine Abgasreinigung ist ebenfalls nicht vorgesehen. „Keine Computer“, stellt Sarao befriedigt fest.

Der Zukunft, sollte sie denn schĂ€rfere Abgasvorschriften bringen, will man sich nicht verschließen. Bezahlen soll das dann aber bitte die Regierung. Man könne keine aufwendige Antriebsentwicklung betreiben. Und wer die gemĂŒtlichen BĂŒrorĂ€ume und die weitgehend unter freiem Himmel stattfindende Produktion in Augenschein nimmt, glaubt das dem Firmenchef gerne.

Eine Zukunftsvision fĂŒr den Jeepney hat Sarao dennoch auf die RĂ€der gestellt, in Form eines deutlich grĂ¶ĂŸeren Fahrzeugs mit geschlossener, vollklimatisierter Kabine und einem 4,2-Liter-Nissan-Aggregat. Bei der Studie handelt es sich um die Diplomarbeit von Jackie Sarao, dem Sohn des Firmenchefs. „Eigentlich wollte ich im Format des klassischen Jeepney bleiben, aber das Projekt ist ein bisschen gewachsen“, lacht der 25jĂ€hrige. Auf eine Probefahrt muss verzichtet werden, denn um lĂ€ngere Strecken zurĂŒckzulegen, ist noch Feinarbeit am Antrieb nötig.

Einstweilen parkt die kantige Zukunftsvision eintrĂ€chtig neben den aktuellen Typen, die sich in unterschiedlichen Phasen der Fertigstellung befinden. Und es gibt noch mehr zu sehen, und zwar nicht nur SammlerstĂŒcke aus verschiedenen Epochen der Firmengeschichte, sondern eine besondere Pretiose: Ein im Wiederaufbau befindlicher Jeepney in KurzausfĂŒhrung, der dem historischen Vorbild der US-Marke Willys sehr nahe kommt. Den letzten davon hat Sarao in den 80er-Jahren gebaut, AuftrĂ€ge fĂŒr Neufahrzeuge nĂ€hme man jedoch gerne entgegen. Wer will, kann dafĂŒr auch einen 4,2-Liter-Motor ordern, auch wenn Jackie Sarao nicht zu unrecht vermutet, dass der Hecktriebler damit wohl leicht ĂŒbermotorisiert wĂ€re.

Es ist ein reizvoller Gedanke: FĂŒr weniger als 10 000 Euro (soviel wĂŒrde Sarao aufrufen) wĂ€re man nicht nur beim Ampelrennen in Manila ganz vorne dabei, sondern besĂ€ĂŸe auch ein StĂŒck elementarer Auto-MobilitĂ€t. Nur mit der Zulassung außerhalb der Philippinen dĂŒrfte es schwierig werden.

TEXT: Jens Meiners / Fotos: Gregg Manola