Auktion – Im Herzen ein BMW 328


Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mischten auch ehemalige Flugzeugbauer in der britischen Automobilproduktion mit. Zu ihnen zĂ€hlte die Bristol Aeroplane Company. Um seine Arbeiter und Angestellten nicht auf die Straße schicken zu mĂŒssen, entschied sich das Unternehmen, eine Autoabteilung zu grĂŒnden.

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TEXT: Hans-Robert Richarz    FOTOS: RM Sotheby‘s
Mit Aerodynamik und Maschinen kannte man sich ja aus, und bereits zu Kriegszeiten hatte Bristol mit Autos experimentiert, die PlÀne aber verworfen. 1947 erblickte der erste Bristol mit zwei Achsen und vier RÀdern das Licht der Welt. Er glich dem BMW 327, der von 1937 bis 1941 in Eisenach vom Band gelaufen war, aufs Haar.
Die bedingungslose Kapitulation der Deutschen war erst wenige Wochen alt, da begann Bristol damit, eng mit dem englischen Sportwagenproduzenten AFN Ltd. ( fĂŒr Adlington, Frazer-Nash) zu kooperieren. Von 1934 an hatte dieses Unternehmen die Exklusivrechte fĂŒr den Import von BMW-Modellen fĂŒr das gesamte britische Empire bekommen, was Bristol nun die TĂŒr zu BMW-KonstruktionsplĂ€nen der Vorkriegszeit öffnete. Auf welche Weise diese allerdings legal den Ärmelkanal ĂŒberquert hatten, ist bis heute umstritten.

Diebstahl in den Nachkriegswirren? Kriegsreparationen? Manche Historiker vermuten, dass BMW die Unterlagen aus Eisenach vor den Russen in Sicherheit bringen und sie lieber in westliche HĂ€nde geben wollte. Eine andere These besagt, dass BMW mit der Preisgabe der PlĂ€ne möglichst rasch die Erlaubnis zur Wiederaufnahme der eigenen Autoproduktion zu erhalten hoffte. DafĂŒr spricht, dass die MĂŒnchner nichts dagegen einzuwenden hatten, dass Bristol bis weit in die 1950er Jahre die BMW-typische Doppelniere als KĂŒhler verwendete, wĂ€hrend sie gerichtlich verbieten ließen, dass im beschlagnahmten Werk in Eisenach weiterhin Autos mit dem Namen BMW produziert wurden.

Wie auch immer: Fest steht, dass Harold John Aldington, einer der Besitzer von AFN Ltd., schon 1934 Lizenzen fĂŒr BMW-Modelle erworben hatte, die in Großbritannien als „Frazer-Nash BMW“ verkauft wurden. Durch die enge Zusammenarbeit zwischen Bristol und AFN nach dem Krieg konnte sich der Senior-Partner Bristol nun die Neuentwicklung eines eigenen Autos sparen. So stellte das Unternehmen bereits 1946 mit dem Bristol 400 einen ersten Prototyp auf die RĂ€der. Ihm folgte wenig spĂ€ter ein zweiter mit der Fahrgestellnummer 400/1/102, reif genug fĂŒr eine PrĂ€sentation auf dem Genfer Automobil Salon. Dieses Fahrzeug kaufte zuvor Aldington.

Treibende Kraft vor und hinter den Kulissen und KĂ€ufer des allerersten Bristol 400 war der Rennfahrer, AutohĂ€ndler, Air Force-Pilot und Cambridge-Absolvent Tony Crook, spĂ€ter einige Zeit alleiniger Inhaber und Chef der Bristol Cars Ltd. Crook personifizierte das, was Festland-EuropĂ€er unter einen schrulligen Briten alter Tradition verstehen. Ein HĂ€ndlernetz fĂŒr Bristol-Fahrzeuge und Werbung hielt er fĂŒr neumodische Dekadenz, eine E-Mail-Adresse ĂŒberflĂŒssig und Computer ĂŒberhaupt fĂŒr Zeitverschwendung.

Potenzielle Kunden sollten gefĂ€lligst persönlich in seinem BĂŒro in der Londoner Kensington High Street vorsprechen und einen Antrag einreichen. Von Journalisten ließ er sich nur Ă€ußerst ungern stören. Ende der 1970er Jahre fertigte er einen Redakteur des Magazins „Auto, Motor und Sport“ mit dem Wunsch nach einem Testwagen mit den Worten ab: „Die Flugzeitschrift Flight bekommt ja auch keine Concord zum Testen.“ Diese Marotten hielt Crook bis 2007 aufrecht, dann wurde er drei Jahre vor der Insolvenz seiner Firma im Alter von 87 Jahren „wegen unĂŒberbrĂŒckbarer GegensĂ€tze die Zukunft von Bristol Cars betreffend“ entlassen.

WĂ€hrend Crook seinen Bristol in der Garage einsperrte, prĂ€sentierte Aldington den anderen in Genf. Dessen Reihensechszylindermotor fußte auf einer BMW-Konstruktion aus den spĂ€ten 1930er-Jahren, der fĂŒr den BMW 328 entwickelt worden war: zwei Liter Hubraum, 55 kW oder 75 PS, 160 km/h. Das zweisitzige Cabriolet war Ende 1946 bei Pininfarina in Turin entstanden und trug zunĂ€chst den Namen Fraser Nash Bristol. Erst spĂ€ter, als sich die beiden Unternehmen wieder trennten, hießen die Nachfolgemodelle Bristol 2 Litre.

Harold John Aldington besaß nicht nur einen Direktorenposten bei Bristol, sondern zeichnete sich – wie Crook – darĂŒber hinaus als erfolgreicher Rallyefahrer aus. Mit seinem Bristol belegte er 1948 und 1949 bei einigen Wettbewerben vordere PlĂ€tze, 1949 war sein Wagen bei der „Alpine Rally“ der einzige Bristol, der ohne Blessuren das Ziel erreichte. SpĂ€ter vervollstĂ€ndigte das Auto die Sammlung eines britischen Exzentrikers, der Prototypen und außergewöhnliche Fortbewegungsmittel schĂ€tzte. Er benutzte den Wagen fĂŒr alltĂ€gliche Fahrten ebenso wie fĂŒr Wettbewerbe.

1989 war eine VerjĂŒngungskur fĂŒr den Bristol 400 ĂŒberfĂ€llig. Doch kurz nachdem er bei Spencer Lane-Jones, dem renommiertesten Bristol-Restaurator auf der Insel angekommen war, segnete sein Besitzer das Zeitliche. Jetzt kaufte Christine Lane-Jones, die finanzkrĂ€ftigen Mutter des Restaurators, den Oldtimer. Hier verbrachte er die folgenden zehn Jahre und wurde nach und nach unter der Maßgabe „Geld spielt keine Rolle“ in einen neuwertigen Zustand zurĂŒckversetzt.

Erneut fand ein Besitzwechsel statt, diesmal an einen Amerikaner. Erneut wurde der Wagen viel bewegt und lernte Straßen in Europa ebenso kennen wie Highways in den USA. Kein Wunder, dass der Bristol 400 danach eine Reihe von Preisen bekam und gern gesehener Gast bei Oldtimer-Treffen war wie etwa beim Louis Vuitton Concours im exklusiven Londoner Hurlingham Club oder dem Concorso d’Eleganza am Comer See.

In der vergangenen Woche fand erneut ein Besitzerwechsel statt. Bei einer Versteigerung von Sotheby’s in Monte Carlo wurden 224 000 Euro fĂŒr den Wagen bezahlt. Das Auktionshaus bewarb das Auto so: „Der historisch einmalige Wagen verhalf einer wichtigen britischen Marke zum Erfolg. Sein Design und seine Geschichte wird dem wahren Kenner den Weg zum Eintritt in die exklusivsten Veranstaltungen klassischer Fahrzeuge ebnen.“