Auktion – Blue Chip aus Stuttgart


Hinter dem Begriff „Blue Chip“ verbirgt sich stets etwas Besonderes, etwa Aktien mit zuverlĂ€ssiger, solider Kursentwicklung, außergewöhnlich lukrative AuftrĂ€ge oder extrem wertvolle Dinge. Der aus den USA stammende Ausdruck ist auf die Verbreitung von blauen Jetons (Chips) beim Pokern in den Spielhöllen des Wilden Westens zurĂŒckzufĂŒhren, wo sie stets den höchsten Wert hatten. Wenn also das Auktionshaus Sotheby’s jetzt ankĂŒndigte, auf einer Oldtimer-Versteigerung am 28. und 29. Januar in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona „149 blue-chip collector cars“ unter den Hammer zu nehmen, dann dĂŒrften finanzkrĂ€ftige Sammler alten Blechs nervös werden. Ein Blick auf die Liste der zum Teil betagten SchĂ€tze zeigt: zu Recht.

Die WĂŒste beginnt nur wenige Kilometer entfernt, das ĂŒppige GrĂŒn wuchert dank intensiver BewĂ€sserung nicht nur auf dem Golfplatz, und MillionĂ€re geben sich hier die Klinke in die Hand: das „Arizona Biltmore Resort & Spa“ gilt als eines der besten Hotels zwischen Las Vegas und der US-Grenze zu Mexiko, auch wenn sich ab und an ein Skorpion in die Lobby verirrt, worĂŒber sich kĂŒrzlich ein Gast auf einem Reiseportal im Internet beschwerte. Diesen giftigen Tierchen gilt allerdings kaum das Interesse der Besucher, wenn das Auktionshaus Sotheby’s in der letzten Januarwoche dort zur Versteigerung lĂ€dt. Dann stehen eher drei Cobras im Focus. Die tragen alle den Vornamen Shelby, haben vier RĂ€der, einen Ă€ußerst giftigen Motor und sollen – wie Sotheby’s hofft – zu Preisen zwischen 0,9 Millionen und 3,3 Millionen Dollar (ca. 0,83 Millionen und 3,05 Millionen Euro) unter den Hammer kommen.

Sie machen freilich nur zehn Prozent der Fahrzeuge aus, die das Auktionsunternehmen bei seiner ersten Veranstaltung 2016 auf einen Wert von mehr als einer Million Dollar taxiert. Insgesamt sollen in Phoenix 149 Autos neue Besitzer finden, davon zumeist Exemplare aus der Reihe der ĂŒblichen VerdĂ€chtigen: 26 Ferrari, 14 Porsche, elf Mercedes-Benz und acht Rolls-Royce. Ihr Alter liegt zwischen einem Jahr (Porsche 918 Spider) und 105 Jahren (Lozier Model 51 Seven-Passenger Touring).

 

 

Der wertvollste Wagen kommt aus Stuttgart, ein Mercedes-Benz 540 K. Diese Modellreihe wurde als Nachfolger der Typen SS/SSK im Februar 1934 auf der 24. Internationalen Automobil- und Motorrad-Ausstellung in Berlin vorgestellt. Zu seiner Zeit galt ein 540 K als eines der prestigetrĂ€chtigsten und schönsten Autos ĂŒberhaupt. Sein Acht-Zylinder-Reihenmotor mit 5401 Kubikzentimetern Hubraum und zuschaltbarem Roots-GeblĂ€se brachte es im Saugbetrieb auf 85 kW / 115 PS, beim Betrieb mit Kompressor auf 132 kW / 180 PS. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 170 km/h, der Preis betrug in Deutschland 28 000 Reichsmark, in den USA 14 000 Dollar. Das waren immerhin 40 Prozent mehr als der teuerste Cadillac damals in den Staaten kostete. Der Mercedes ging nach seiner Ankunft in New York Ende April 1937 bis heute durch die HĂ€nde mehrerer Sammler, die ihn hegten, pflegten und offenbar wenig bewegten. Sein Zustand wirkt wie neu und sein MeilenzĂ€hlerzĂ€hler, von dem Experten ĂŒberzeugt sind, dass er original ist, steht auf 10 277 (16 500 km). Kein Wunder, dass laut Sotheby’s der Wert des Autos zwischen zehn Millionen und 13 Millionen Dollar liegt (9,2 Millionen bis 12 Millionen Euro).

Zweiter in den Sotheby’s Arizona Charts ist mit weitem Abstand ein Duesenberg Model J von 1929. Von diesem Cabriolet-Kraftprotz (6,9-Liter-Achtzylinder, 198 kW / 270 PS) wurden lediglich sechs Exemplare produziert. Das Fahrzeug, das jetzt versteigert wird, gehörte zunĂ€chst David Gray aus Santa Barbara in Kalifornien, dessen Familie Anfang des 20. Jahrhunderts ein Vermögen mit Ford-Anteilen gemacht hatte: Die 1903 fĂŒr 10 000 Dollar gekauften Aktien brachten 16 Jahre spĂ€ter 26 Millionen ein. 1933 verkaufte Gray das Auto, das spĂ€ter in Hollywood-Filmen zu bewundern war, an einen Anwalt in Los Angeles, spĂ€tere Besitzer waren – so wie er – Sammler betagter Karossen. Sotheby’s schĂ€tzt den Wert des einzigen, weltweit zum Verkauf anstehenden Exemplars auf rund 3,5 Millionen Dollar ( 3,2 Millionen Euro).

Es geht aber auch billiger. Als „Kronjuwel einer jeden Volkswagen-Sammlung“ bezeichnet der Auktionskatalog die Nummer 211, einen VW Typ 1 Standard aus dem Jahr 1952. Ein KĂ€fer aus der Zeit also, als der KĂ€fer noch gar nicht KĂ€fer hieß. Das Fahrzeug gehörte zunĂ€chst einem Angehörigen der amerikanischen Luftwaffe, der in Deutschland stationiert war und ihn spĂ€ter in die Staaten mitnahm. Es wurde von Grund auf ĂŒberholt, verschlissene Teile wurden gegen Originale von damals ausgetauscht. Der SchĂ€tzpreis des Autos betrĂ€gt bis zu 80 000 Dollar (74 000 Euro).

Ebenso viel Geld soll ein weiterer Deutscher einbringen, ein Amphicar von 1965. Von den bis zur Pleite des Unternehmens 1968 gebauten 3878 Fahrzeugen ging der Löwenanteil in die USA, wo er fĂŒr 3365 Dollar zu haben war – so viel wie damals drei Volkswagen KĂ€fer zusammen kosteten. Die hatten allerdings gegenĂŒber dem Amphicar den entscheidenden Nachteil, dass sie nicht schwimmen konnten. Heute gibt es angeblich in den USA noch um die 70 schwimm- und fahrfĂ€higen Amphicars, die samt und sonders Kultstatus genießen.

Informationen zu allen Fahrzeugen, die unter den Hammer kommen sollen, sind unter www.rmsothebys.com zu finden, dort lĂ€sst sich auch ein kompletter Katalog herunterladen. Ob allerdings alle Exponate den Preis erzielen, den sich Sotheby’s wĂŒnscht? Die Preise fĂŒr einen CitroĂ«n 2CV6 von 1974 (rund 23 000 Euro), einen VW Bus von 1967 (rund 130 000 Euro) oder einen Smart Brabus Cabrio von 2002 (rund 32 000 Euro) scheinen doch etwas ĂŒberzogen.

Doch wie auch immer: Sollten Interessenten bei der Auktion zu kurz gekommen sein, bleibt ihnen ein Trost. Das „Arizona Biltmore Resort & Spa“ hĂ€lt fĂŒr seine Kunden einen noblen Fuhrpark bereit, bestehend aus jeweils einem Ferrari 458 Italia, einem McLaren MP4-12C und einem Porsche GT. Mit diesen Wagen können sie – gegen eine stattliche GebĂŒhr, versteht sich – die wahrhaft sehenswerte Gegend rund um Phoenix erkunden und genießen.

 

TEXT:  Hans-Robert Richarz