CENTRAL GARAGE Automuseum: Frauen geben Gas


Einen neuen Blick wirft das CENTRAL GARAGE Automuseum mit der Ausstellung „Frauen geben Gas“ (zu sehen bis 15. Oktober 2017) auf Frauen-Automobilgeschichte und bricht mit bereits gewohnter Ausstellungstradition des Museums. Diese galt vor allem der Darstellung von Auto und Technik. Dabei standen die „Oldtimer“, Autos und MotorrĂ€der der MĂ€nner, der „Herrenfahrer“ und der „Autler“, wie Autofahrer sich frĂŒher nannten, im Mittelpunkt der Ausstellungen. Diesmal ist es anders. Ein bisher einmaliges Konzept in der Museumslandschaft widmet sich der Automobilgeschichte von Damen und Frauen der gehobenen Gesellschaft. Kuratiert von Uschi Kettenmann und Ursula Stiehler entstand eine spannende Ausstellung mit Bilder, die zum Teil sogar aus Privatbesitz ins Museum gegeben wurden.

Die Themen sind sehr facettenreich, widmen sich spektakulĂ€ren Fernfahrten, dem Motorsport, der Mode und erzĂ€hlen Autogeschichten aus Deutschland, Frankreich und England – im Fokus: stets die Frau.

34 Thementafeln erlĂ€utern und berichten mit Objekten, Bild und Text ĂŒber eine Auswahl von „starken Frauen“. Bezeichnungen fĂŒr Frauen am Steuer wie „Exotinnen“ und „Amazonen“, aber auch die Frage, was ist ein „Frauenauto“, bestimmten und beeinflussten die Inhalte und setzten Schwerpunkte. Die Suche in der Fachliteratur nach bekannten Frauen, die den Mut hatten, sich ans Steuer zu setzen und in Konkurrenz mit MĂ€nnern zum Sieg fuhren, war recht ergiebig. Es stellte sich u.a. heraus, dass schon vor ĂŒber 100 Jahren Frauen sich mit dem Auto und Motorrad an Rennen beteiligten und Siege errangen – wenn die MĂ€nner dies zuließen. Aber auch anderen, den „resoluten“ Frauen, widmet sich die Ausstellung.

Der Ausstellung ist chronologisch strukturiert, um den historischen Wandel von Fahrzeugen und Kleidung aufzuzeigen. Drei Ausstellungsebenen stehen im weitlĂ€ufigen MuseumsgebĂ€ude, dem ehemaligen Opelhaus, zur VerfĂŒgung. Durch die große und offene Fensterfront entsteht in der PrĂ€sentation eine einmalige, da fast authentische Auto-AtmosphĂ€re.

Der Rundgang beginnt mit der ersten Fernfahrt einer Frau und endet bei den Siegerinnen im Motorsport nach dem Zweiten Weltkrieg. Die historische Betrachtung der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bildet einen gravierenden Schwerpunkt der Ausstellung. Denn in der Weimarer Republik Ă€nderte sich das Rollenverhalten der Frauen in vieler Hinsicht. Nur, um den FĂŒhrerschein zu erlangen, war die Einwilligung des Vaters oder des Ehemannes Voraussetzung. Und dies Ă€ndert sich erst 1957/58. Aber die rasante Entwicklung und Verfeinerung in der Autotechnik machte das Auto fĂŒr Frauen fahrbarer.

Der Rundgang in der Ausstellung endet in einem Kabinett. Hier sind Kunstwerke mit historischen Automobilen zu sehen. In sechs GemĂ€lden zeigt die bei Darmstadt lebende KĂŒnstlerin Doris Zeidlewitz in klarer Bildersprache das Unfassbare des Schönen und Erhabenen, das vor allem in den klassischen PortrĂ€ts von Bertha Benz, ClĂ€renore Stinnes und Ernes Merck nachvollziehbar ist.

Im Kunstkabinett wird eine bis her nicht gelöste Frage zur Diskussion gestellt: „Was ist ein Frauenauto?“ Antwort gibt die PrĂ€sentationtafel „Frauen Auto Klischee-oder Wahrheit“.

Die Protagonistinnen
Insgesamt dreizehn Lebensgeschichten beschreiben den Weg der Frauen, die sich das Auto auf sehr individuelle Art „eroberten“. Wie und warum sie das taten, wird auf 34 Thementafeln mit Text, Bild und ausgesuchten historischen Objekten beschrieben. AusgewĂ€hlt wurden folgende Protagonistinnen:

Vor dem Ersten Weltkrieg
Bertha Benz (1849 – 1944) – die erste Frau am Steuer und Antriebskraft des ersten Autos Camille du Gast (1868 – 1942) – Rennfahrerin ohne Erlaubnis
Dorothy Levitt (1882 – 1922) – die schnellste Frau der Welt
Sophie Opel (1840 – 1913) – Ehefrau eines Mechanikus fĂŒr Maschinen fĂŒr Schneider und Schuster

Zwischen den beiden Weltkriegen und danach
Elisabeth Junek (1900 – 1994) – die schnelle Bugatti-Pilotin
Hanni Köhler (1907 – 1982) – die Motorradkönigin der 1920er
Erika Mann (1905 – 1969) – rebellische Tochter des LiteraturpreistrĂ€gers
Ernes Merck (1898 – 1927) – die erste Werksfahrerin von Mercedes-Benz
Irmgard von Opel (1907 – 1986) – Sportlerin und Unternehmerin
Liliane Roehrs (1900 – 1975) – eine unermĂŒdliche Sportdame
Evy Rosqvist (Jahrgang 1929) – die Fahrt durch die Hölle
ClĂ€renore Stinnes (1901 – 1990) – die erste Auto-Weltreisende
Heidi Hetzer
Weltumfahrerin … auf den Spuren von ClĂ€renore Stinnes
Ilse Thouret (1897 – 1969) – die Sportskanone und Deutschlands beste Motorradfahrerin in den 1930ern

Sie alle sind als „Powerfrauen“ zu bezeichnen. Ihnen gemeinsam ist: modische Eleganz, Durchsetzungsvermögen, MuskelstĂ€rke, Ausdauer, Konzentration und vor allem der Mut, sich mit Konkurrenten und Konkurrentinnen in Höchstleistungen beim Motorsport zu messen.
Nicht alle „Power- und resolute Frauen“, die Fernfahrten oder im Rennsport sich durchsetzten, können im Rahmen dieses Berichtes ĂŒber die Ausstellung vorgestellt werden.

Weitere Einzel-Themen der Ausstellung
➱ Adrenalin und Wettkampf kennen kein Geschlecht: Kirsi Kainulainen (geb. 1985), Jutta Kleinschmidt (geb. 1962), Ellen Lohr (geb. 1965), Lella Lombardi (1941-1992), Michùle Mouton) (geb. 1951), Susie Wolff (geb. 1982)
➱ Die Dame am Steuer
➱ Frauen und Autos 1900 bis 1918
➱ Autokleidung fĂŒr Damen – elegant und sportlich
➱ MĂŒtze und Topfhut – Bubikopf und Eleganz
➱ Deutscher Damen Automobil-Club (DDAC) – der Amazonenstaat
➱ Autoturniere Bad Homburg – Der Erfolg der Frauen im Automobilsport
➱ Das Frauenauto – Klischee oder Wahrheit ?

Mehr Infos unter www.central-garage.de
CENTRAL GARAGE Automuseum, Niederstedter Weg 5, 61348 Bad Homburg v.d.Höhe

Der Eintritt ist frei.
Öffnungszeiten des Museums: Mittwoch bis Sonntag 12.00-16.30 Uhr, an Feiertagen geschlossen

Text: Ursula Stiehler