Die Aura des Originals – alles nur ein Fake?


Authentische, originale Objekte sind seit jeher die Stars der meisten Museen und Ausstellungen. Wissenschaftler des Deutschen Museums in MĂŒnchen und des Leibniz-Instituts fĂŒr Wissensmedien (IWM) in TĂŒbingen haben nun versucht, das Geheimnis um die sprichwörtliche Aura jener Originale zu lĂŒften.

In einer kĂŒrzlich veröffentlichten Studie kommen sie zu einem ĂŒberraschenden Ergebnis: Technische Details und Einblicke in die Funktionsweise der ausgestellten Objekte stehen bei den meisten Besuchern eines Museums fĂŒr Wissenschaft und Technik deutlich höher im Kurs als ihre OriginalitĂ€t.
Die erste elektrische Lokomotive, der Patent-Motorwagen von Carl Benz oder echtes Mondgestein – wie in vielen anderen Museen gehören auch im Deutschen Museum authentische Objekte zu den Hauptattraktionen der Ausstellungen. Die Originale erzĂ€hlen Geschichten aus vergangenen Zeiten, von fernen Orten und berĂŒhmten Personen. Sie entfĂŒhren die Museumsbesucher in fremde Welten und strahlen eine besondere Faszinationskraft aus – so lautet jedenfalls die weit verbreitete Annahme. Doch gibt es diese Aura des Originals wirklich? Nehmen Museumsbesucher Originale tatsĂ€chlich anders wahr, als identische Nachbildungen?
Diese Fragen stellten sich auch Wissenschaftler des Deutschen Museums in MĂŒnchen und des Leibniz-Instituts fĂŒr Wissensmedien in TĂŒbingen. Sie untersuchten die Wirkung authentischer Objekte auf Museumsbesucher systematisch in einer Besucherstudie . Dazu wurden den Besuchern eine Reihe ausgewĂ€hlter Museumsobjekte prĂ€sentiert, die abwechselnd als Originale oder Nachbildungen gekennzeichnet wurden. In insgesamt 56 ausfĂŒhrlichen Interviews kamen die Forscher zu einem ĂŒberraschenden Ergebnis: FĂŒr die Mehrheit der Besucher spielt die OriginalitĂ€t der Objekte eine weitaus geringere Rolle als angenommen. In einem Objekte-Ranking erhielten die originalgetreuen Nachbildungen ebenso gute RangplĂ€tze wie die Originale selbst. Eine weitaus grĂ¶ĂŸere Rolle spielten hingegen die Ästhetik der (außergewöhnlichen) Objekte, ihr Bezug zur Lebenswelt der Besucher und vor allem ihre FĂ€higkeit, wissenschaftliche und technische Erkenntnisse zu vermitteln.
Das bedeutet jedoch nicht, dass in Zukunft alle Originale durch Nachbildungen ersetzt werden können. Denn die Ergebnisse der Studie zeigen auch, dass fĂŒr technisch versierte Besucher nur Originale in der Lage sind, verlĂ€ssliche technische Details und Hinweise zur Funktionsweise der Objekte zu vermitteln. Authentische Objekte erzĂ€hlen also – zumindest in Museen fĂŒr Wissenschaft und Technik – nicht nur Geschichten von vergangenen Zeiten. Sie garantieren auch exakte wissenschaftliche Information – allerdings nur, sofern sie die Besucher auch entschlĂŒsseln können. Umso wichtiger wird es daher in Zukunft sein, die Originale mit Modellen oder (digitalen) Demonstrationen zu verknĂŒpfen, die den Besuchern dabei helfen, die Bedeutung der Objekte und ihre Funktionsweise zu verstehen.
Im Rahmen der Zukunftsinitiative des Deutschen Museum werden in den Ausstellungen die aktuellsten Erkenntnisse aus der historischen Forschung sowie neueste Aspekte der MuseumspĂ€dagogik und -didaktik umgesetzt. Die Studie ĂŒber die Wirkung von authentischen Museumsobjekten ist dabei nur eine Maßnahme unter vielen um dieses Ziel zu erreichen.

www.deutsches-museum.de

FOTO: Deutsches Verkehrsmuseum