130. Geburtstag – Von der Kutsche zum Automobil


Am 29. Januar 2016 feiert das Automobil offiziell seinen 130. Geburtstag. Der Mannheimer Ingenieur und Erfinder Carl Benz meldete am 29. Januar 1886 seinen „Patent Motorwagen Nummer 1“ als Deutsches Reichspatent mit der Nummer 37435 zum Patent an. Das erste fahrtaugliche Auto unternahm am 3. Juli 1886 seine erste Probefahrt und erhielt am 2. November des gleichen Jahres offiziell sein Patent. Neben dem Buchdruck, der Dampfmaschine und dem Computer gilt das Auto als diejenige technische Errungenschaft der Neuzeit, die die Geschichte der Menschheit am nachdrĂŒcklichsten beeinflusst hat.

Benz Patent-Motorwagen. Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

Benz Patent-Motorwagen.
Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

Mehr als 2500 Unternehmen haben sich weltweit bis heute beim Bau von Automobilen engagiert. 2010 hatte die Zahl der zugelassenen Autos erstmals die Grenze von einer Milliarde Fahrzeugen ĂŒberschritten. Knapp 80 Millionen Neufahrzeuge drĂ€ngen jedes Jahr neu auf die Straßen der Welt und generieren einen Umsatz, der deutlich ĂŒber einer Billion Euro liegt.
Am Anfang des Automobils war das Wort: „Eines Tages wird man Karren zu bauen vermögen, die sich bewegen und in Bewegung bleiben, ohne geschoben oder von irgendeinem Tier gezogen zu werden.“ – Diese Vision wagte vor rund 800 Jahren der englische Franziskanermönch Roger Bacon (1214–1292). Eine ĂŒberaus mutige Prophezeiung zu einem Zeitpunkt, als die Menschen zum Transport von Wagen allenfalls Karren kannten. Doch Bacon war kein Hellseher, sondern ein Wissenschaftler, der an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit zu forschen begann und Gesetze fĂŒr die Lichtbrechung formulierte und zur Erfindung der Brille fĂŒhrte, ebenso zu Teleskop und Mikroskop.

Im beginnenden „Zeitalter des Wiederauflebens der KĂŒnste und der Wiedergeburt des antiken Geistes des Mittelalters dĂ€mmerte klugen Köpfen, dass die Welt groß und komplex ist. Doch die konkreten Kenntnisse der Welt waren gering und Reisen ein gefĂ€hrliches Unterfangen. Eine eindrucksvolle Landkarte von 3,57 Metern Durchmesser entstand Ende des 13. Jahrhunderts im Kloster Ebsdorf, einer Benediktinerabtei in Niedersachsen mit mehr als 2300 BildeintrĂ€gen, die die Darstellung der mittelalterlichen Welt im Geist der Zeit dem Ideal des Körpers Christi anglich. Oben, beim Kopf lag das Paradies.

War es wirklich nur tollkĂŒhn, in einem derartigen Umfeld ĂŒber „selbstbewegliche Fahrzeuge“ nachzudenken, wie sich der Begriff „Automobil“ ĂŒbersetzen lĂ€sst? – Nicht ganz. Denn einige technische Voraussetzungen fĂŒr das Auto waren bereits Tausende von Jahren zuvor geschaffen worden. Das Rad beispielsweise. Ein unbekanntes Genie ereilte der Geistesblitz bereits 4500 Jahre vor der Zeitwende. Irgendwo zwischen dem sumerischen Kulturkreis und dem frĂŒhen Mesopotamien.
Die Verbindung von zwei RĂ€dern mit einer Achse, um ĂŒber den Antrieb des einen das andere Rad antreiben zu können, entstammt wahrscheinlich dem Einfallsreichtum der ersten Töpfer, die an den Ufern des Indus im fĂŒnften vorchristlichen Jahrtausend die erste Technik fĂŒr die Serienfertigung eines Produkts erdachten.

MetallstĂ€be als Achsen und fĂŒr Speichen, um RĂ€der filigraner und leichter zu machen, revolutionierten den Karren etwa 3000 Jahre spĂ€ter. 2000 vor Christus tauchten erste Streitwagen auf. Von Pferden gezogen, waren diese „selbstbeweglichen Fahrzeuge“ mit bis zu 45 km/h Höchstgeschwindigkeit die schnellsten Fortbewegungsmittel bis zum Eisenbahnzeitaltere ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Ägypter, Chinesen, Mesopotamier und Römer entwickelten den Streitwagen bis nach der Zeitwende zur Perfektion.
Danach stagnierte die Fahrzeugentwicklung mangels geeigneter Antriebe. Mehr als Tier- und menschliche Muskelkraft ließ sich im wahrsten Sinn des Wortes nicht vor den Karren spannen. Erst 1600 hatte der flĂ€mische Mathematiker und Physiker Simon Stevin (1548/49–1620) die Idee, Wagen mit einem Segel anzutreiben. Mit Windenergie ließen sich entlang flacher SandkĂŒsten bis zu 30 Personen befördern. Zu diesem Zeitpunkt hatten Chinesen freilich seit rund 1000 Jahren Windwagen fĂŒr den Transport von Waren und Menschen ĂŒber windreiche Ebenen genutzt.

Doch ohne eine vollkommen unabhĂ€ngige Antriebstechnik konnte es kein echtes, modernes Automobil geben. Der im wahrsten Sinn des Wortes zĂŒndende Funken fĂŒr den Verbrennungsmotor stammte von dem hollĂ€ndischen universalgelehrten Christiaan Huygens (1629–1695). Neben seinen zahllosen Erfindungen und Entdeckungen qualifizierte sich Huygens fĂŒr die Aufnahme in die Geschichte des Automobils, weil er das Arbeitsprinzip des Kolbenmotors erdachte.

Dabei ĂŒbertrĂ€gt in einem Zylinder ein durch Explosionskraft beschleunigter Kolben vertikale BewegungskrĂ€fte via Pleuel auf eine Welle, die die Vertikalbewegung in eine Drehbewegung ĂŒbersetzt. Huygens wĂ€hlte fĂŒr seine Idee keinesfalls willkĂŒrlich die Bezeichnung „Explosionsmotor“. Er hatte die Idee, die treibenden GaskrĂ€fte, die auf den Kolben wirken sollten, mittels Schießpulver zu erzeugen. Die praktische Umsetzung dieses Explosionsmotors scheiterte in puncto Mechanik an den technischen Möglichkeiten des 17. Jahrhunderts. Und bis heute an der Kontrollierbarkeit des avisierten Kraftstoffs.

Dampfwagen Obeissante (1873). Foto: Auto-Medienportal.Net/Wikipedia

Dampfwagen Obeissante (1873).
Foto: Auto-Medienportal.Net/Wikipedia

Bis sich der Kolben durch kontrollierte Explosionen tatsĂ€chlich bewegen ließ, vergingen noch mehr als zwei Jahrhunderte. Den ersten Schritt zur praktischen Umsetzung einer funktionierenden „Kolben-WĂ€rmekraftmaschine“ bildete die Dampfmaschine. Die nutzte der französische Offizier Nicholas Joseph Cugnot (1725–1804), um 1796 den ersten funktionierenden Dampfwagen der Geschichte zu entwickeln. Das Fahrzeug sollte helfen, die immer schwerer werdenden Kanonen besser als Pferde ziehen zu können. Der dreirĂ€drige Dampfwagen kam nicht wirklich weit, weil der schwere Antrieb auf dem Vorderrad die Lenkung unwirksam machte.

Bis zum 26. Januar 1886 entwickelte sich die Dampfmaschine nicht nur als unverzichtbarer Antrieb fĂŒr Lokomotiven, auch Dampfmobile entstanden in immer grĂ¶ĂŸerer Zahl mit wachsender Alltagstauglichkeit. Dampfautos entstanden schließlich bis 1927 und schraubten bereits 1906 den absoluten Geschwindigkeitsrekord auf 205,5 km/h.

Der erste Gasmotor von Nikolaus Otto (1867). Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler

Gasmotor von Nikolaus Otto.
Auto-Medienportal.Net/Daimler

Einen ersten funktionierenden Explosionsmotor baute der Schweizer Francoise Issac de Rivaz (1752–1828) im Jahre 1806. Er nutzte eine Mischung aus Wasserstoff und Steinkohlegas als Brennstoff. Der entscheidende Schritt zum Verbrennungsmotor gelang schließlich Nikolaus Otto, der ab 1862 mit der Arbeitsweise des Viertaktmotors zu experimentieren begann. Ottos erster Motor lief ein Jahr spĂ€ter. Vorerst war jedoch nur eine Nutzung als stationĂ€rer Antrieb erkennbar, den Unternehmen und Handwerksbetriebe als Alternative zur Dampfmaschine nutzen konnten. Mit Stadtgas als Treibstoff. Die MarkteinfĂŒhrung des „Otto-Motor“ erfolgte 1876.

Bis Carl Benz den Motor fĂŒr sein Fahrzeug nutzen konnte, war eine weitere Erfindung erforderlich. Die gelang Otto 1884 mit der elektrischen ZĂŒndung. Somit war es möglich, statt Gas auch flĂŒssige Brennstoffe zu verwenden, die in einem Tank mitgefĂŒhrt werden konnten. Damit war der Weg des Verbrennungsmotors als Antrieb fĂŒr zukĂŒnftige Automobile geebnet.

 

Text: Thomas Lang