Heiße Tage am Wasserschloss


Darauf wĂ€re Joseph FĂŒrst zu Salm-Reifferscheidt-Dyck nicht einmal im Traum gekommen. Seit 2006 bevölkern – stets am ersten August-Wochenende – unzĂ€hlige Oldtimer den von ihm um 1800 angelegten englischen Landschaftspark rund um das Wasserschloss Dyck, gut 20 Kilometer sĂŒdwestlich von DĂŒsseldorf. 3.000 dĂŒrften es Samstag und Sonntag gewesen sein. Aber Mensch und Maschine litten gleichermaßen unter den hochsommerlichen Temperaturen.

RasenflĂ€chen verwandelten sich, wo Schuhe und Reifen drĂŒckten, in SandplĂ€tze. Strohballen fielen als SitzplĂ€tze weg: Feuer- sogar Waldbrandgefahr. Zehntausende pilgerten trotzdem auf das GelĂ€nde der dreizehnten Classic Days. Sie erleben eine in Deutschland einzigartige Mischung aus Old- und Youngtimerfestival, passendem Lifestyle, eingebettet in eine malerische Gartenlandschaft vor der Kulisse des barocken Wasserschlosses. Stilvolles Picknick direkt neben den Fahrzeugen inklusive. Aber vor allem: Auf dem mittlerweile berĂŒhmten Dreieckskurs können einige der automobilen Klassiker in Aktion bestaunt werden.

In diesem Jahr ging besonders das „Jagdgeschwader Hollywood“ rasant auf die Strecke. Quasi Frank Bullit (Steve McQueen) verfolgte mit einem grĂŒnen Ford Mustang Fastback einen Dodge Charger R/T. Gefolgt von einem 1967er Shelby GT 500 „Elenor“, der fĂŒr den 2000er Kassenschlager „Nur noch 60 Sekunden“ mit Nicolas Cage auf den Rundkurs ging. Diesen berĂŒhmten Ponycars waren wiederum zwei US-Polizeifahrzeuge auf den Fersen, die mit ihren Sirenen das stilechte Bild abrundeten.

Die historische Abteilung von Ford nutzte die kurze Anfahrt fĂŒr eine Punktlandung. Beinahe von der Autobahn an den Start der Schloss Dyck Strecke erinnerten die Kölner an 50 Jahre RS Modelle. Vom ersten dynamischen RS Modell – dem Escort RS 1600 aus dem Jahr 1968 – wurde ein weiter Bogen ĂŒber den Sierra RS Cosworth und den Escort RS Cosworth bis hin zur dritten Generation des Ford Focus RS geschlagen.

Die Autostadt prĂ€sentierte unter dem Motto „Passion – Pace – Performance“ ausgefallene Renn- und Sportwagen sowie erstmals auch MotorrĂ€der aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Motorsportes. Roland Clement, Vorsitzender der GeschĂ€ftsfĂŒhrung, genoss sichtlich jede Runde auf einer NSU Spezialmax aus dem Jahr 1955. Gefolgt von dem Volkswagen Twin-Golf „Pikes Peak“, der bereits 1987, ausgestattet mit zwei 1,8 Liter-Vier-Zylindern aus dem Golf II GTI 16 V, versuchte, das „Race to the Clouds“ genannte Pikes Peak International Hill Climb zu gewinnen. Kombiniert ĂŒber 600 PS waren nicht genug: Ein Defekt stoppte damals Jochi Kleint am Steuer, wenige Kurven vor dem Ziel. Das passierte ihm zurĂŒck am alten Arbeitsplatz, auf der Rundstrecke von Schloss Dyck, nicht. Der brachiale Sound aus beiden Aggregaten begeisterte die Zuschauer am Rand der Fahrbahn bei jedem seiner EinsĂ€tze.

Etwas ruhiger ging es an den beiden StandflĂ€chen der Autostadt „Classic Corner“ und an der „Sophoren-Allee“ zu. Hier konnte direkt neben den Rennboliden der Vergangenheit Bugatti 35 und Auto Union Type C das aktuelle Rekordfahrzeug des Konzerns bestaunt werden. Der Volkswagen I.D. R Pikes Peak gewann Ende Juni das diesjĂ€hrige Pikes Peak International Hill Climb. In nur 7:57,148 Minuten sprintete der Karbon-Flitzer, pilotiert vom zweifachen Le-Mans-Sieger Romain Dumas, die 12,42 Meilen (19,99 Kilometer) hinauf. Damit pulverisierte der zukunftsweisende E-Racer die bisher magische Acht-Minuten-Barriere. Mit einem frischen, hausgemachten Eis der Autostadt-Restaurants – stilecht gereicht aus einem Volkswagen T2 – in der Hand, informierten sich die zahlreichen Besucher ĂŒber die aktuellen Angebote der Wolfsburger Erlebniswelt.

So verging die Wartezeit bis zur nĂ€chsten Autogrammstunde wie im Fluge: Die Autostadt versammelte insgesamt viermal eine ganze Schar von Ausnahme-Rennfahrern wie Walter Röhrl oder Hans-Joachim Stuck, die ihre Unterschriften nicht nur in BĂŒcher oder auf Postkarten sondern auch auf Modellautos, LenkrĂ€der und andere Devotionalien setzen sollten. Gleich danach ging es fĂŒr die Rennsport-Legenden zurĂŒck ins Cockpit. Im „Neuen Fahrerlager“ wartete bereits die orangefarbene Porsche-Flotte von „®72 Stagpower“ auf die Piloten. Ein Porsche 956, ein 962er sowie ein Porsche 914/6 und ein Carrera RSR ließen „The Spirit Of JĂ€germeister Racing“ als GĂ€ste der Autostadt wieder aufleben. UnzĂ€hlige Kameras und Handys schossen in die Höhe, um diesen Auftritt zu verewigen.

Volkswagen Classic schickte seinen „Gelb-Schwarzen-Renner“ auf die Rennstrecke. Das Sondermodell aus dem Jahr 1973 sorgte als SportkĂ€fer fĂŒr manche Überraschung auf der Autobahn. Audi Tradition nutzte den 150. Geburtstag von August Horch fĂŒr einen ganz besonderen Auftritt bei den Classic Days. WĂ€hrend drei Horchs aus den 1920er und 30er Jahren einen Sonderlauf auf der Rennstrecke absolvierten, funkelten weitere als „Jewels in the Park“ auf der Museumsinsel direkt vor Schloss Dyck um Wette. Darunter ein 1937er Horch 853. Als Sport CoupĂ© mit einer Karosserie von Erdmann & Rossi aus Berlin blieb es ein EinzelstĂŒck. Es handelt sich dabei um den Wiederaufbau des Privatwagens des berĂŒhmten Rennfahrers Bernd Rosemeyer, der 1938 bei einer Rekordfahrt mit einem Rennwagen tödlich verunglĂŒckte.

Mercedes-Benz schickte neben den Klassikern aus den ersten Jahrzehnten des Automobilbaues vor allem ein DTM-Trio aus den 1990er Jahren auf die Strecke. Ein Audi V8 komplettierte den historischen Reigen, wĂ€hrend ein Audi RS 5 DTM aus der aktuellen Saison den Abschluss dieses besonderen Laufes ĂŒbernahm.

Deutlich gemĂ€chlicher ging es mit dem von der Autostadt restaurierten Golf-BĂ€hnle der Wolfsburger Verkehrs-GmbH ĂŒber das GelĂ€nde. Die Klappfenster auf Durchzug gestellt, konnten sich die Besucher fĂŒr einen ersten Überblick kutschieren lassen – eine herrliche Erfrischung bei fast 40 Grad Celsius – obwohl die 25 Stundenkilometer nicht ĂŒberschritten wurden.

Text: A. Voigt Fotos: Leitzke