Jubiläum – Willie K. ‚flog’ im Mercedes zum Weltrekord


Es ist noch früh am Morgen des 27. Januar 1904, als ein Mercedes 90 PS Rennwagen über den ebenen Sandstrand von Ormond-Daytona in Florida rast. William Kissam Vanderbilt jr. (1878 bis 1944), den die Medien liebevoll „Willie K.“ nennen, ist nach wenigen Probeläufen zu einer Rekordfahrt gestartet.

Der Millionär aus New York, Sohn des Eisenbahnbarons William K. Vanderbilt, hat ein gutes Gefühl am Steuer seines von der deutschen Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) gelieferten Rennwagens. Die Zuversicht des Rennfahrers wird zur Gewissheit, als die Stoppuhren der acht Zeitnehmer klicken: 39 Sekunden für die fliegende Meile lautet das offizielle Ergebnis – das entspricht 92,3 Meilen pro Stunde (148,54 km/h) und markiert damit den absoluten Weltrekord für Landfahrzeuge.
Der New Yorker Millionär dominierte vor 110 Jahren den 1903 gegründeten „Florida Speed Carnival“, dessen Rennen und Rekordfahrten auf einem ebenen Sandstrand ausgetragen wurden. Insgesamt gewann Vanderbilt im Januar 1904 sechs Rennen und stellte sieben Geschwindigkeitsrekorde auf.
„Wirklich, ich habe mich selbst überrascht“, sagte der Rennfahrer mit angelsächsischer Zurückhaltung, als er aus seinem Mercedes steigt („Really, I did surprise myself“). So jedenfalls berichtete es die Automobiljournalistin und historikerin Beverly Rae Kimes 1987 in einem Beitrag für das Kompendium „American Heritage“.

 

Noch wusste der jüngere William K. Vanderbilt zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht, dass der amerikanische Rekord beim europäischen Rennsport-Establishment auf wenig Gegenliebe stoßen würde.
Tatsächlich lehnte später im Jahr die gerade neu gegründete Association Internationale des Automobile Clubs Reconnus (AIACR) die offizielle Anerkennung des Rekords ab. Den Ruhm, zum ersten Mal auf amerikanischem Boden einen absoluten Weltrekord für Landfahrzeuge aufgestellt zu haben, konnte aber auch die AIACR dem damals 25 Jahre alten Rennfahrer nicht nehmen. An der Leistung seines Mercedes 90 PS Rennwagen und des Fahrers gab es sowieso keinen Zweifel.

Die Verbindung zwischen Vanderbilt und der DMG reichte bis in die Anfänge der Marke Mercedes zurück. Bereits im Jahr 1900 kaufte er einen Daimler 23 PS Phönix-Rennwagen und fuhr damit Rekorde in den USA. Sogar mit der Eisenbahn, immerhin Quelle des Familienvermögens, lieferte er sich ein Rennen. 1902 kaufte der amerikanische Millionär dann einen Mercedes-Simplex 40 PS mit Rennkarosserie, reiste damit unter anderem auf eigener Achse von Paris nach Nizza und stellte im Mai 1902 mit 111,8 km/h einen Weltrekord über den Kilometer mit fliegendem Start auf.

Vanderbilt war ein begeisterter Rennfahrer. Aber als Sohn einer der einflussreichsten Industriellenfamilien des Landes wusste er auch um die Rolle, die der Motorsport für den Aufbau einer eigenen Automobilindustrie in den Vereinigten Staaten haben könnte. So stiftete er noch im Jahr seiner Rekordfahrten den Vanderbilt-Cup, den ersten wichtigen Preis im US-amerikanischen Motorsport. Das erste Rennen um diesen Preis wurde im Oktober 1904 auf Long Island gehalten. Die ersten drei Rennen gewannen noch europäische Fabrikate, 1908 fuhr der Sieger erstmals auf einem in Amerika gebauten Rennwagen der Marke Locomobile durchs Ziel.

Der Vanderbilt-Cup des Jahres 1912 schließlich ging an Ralph DePalma auf Mercedes 37/90 PS Rennwagen. Damit schloss sich ein Kreis, der früh an einem Januarmorgen am Strand zwischen Daytona und Ormond begonnen hatte.