Landie-Weltrekord


 

Es galt einen Weltrekord zu knacken. Autor Gerhard Prien war dabei und berichtet davon, wie er inmitten von ĂŒber 700 Land Rovern auf einer Landstraße bei Bad Kissingen vom Rekordfieber gepackt wurde. Die weltweit lĂ€ngsten Parade mit Land Rovern.

Der alte Weltrekord steht bei 516 Fahrzeugen. Die fuhren im Jahre 2015 hintereinander gereiht in Portugal zum Weltrekord. Den gilt es jetzt zu brechen. Die Idee kam vom deutschen Importeur. Der hatte im Internet dazu aufgerufen, Geschichte zu schreiben, zumindest im Guinness-Buch der Rekorde. Am Vortag der zwanzigsten Ausgabe der „Abenteuer & Allrad“ in Bad Kissingen, der weltgrĂ¶ĂŸten Offroad-Messe, will Land Rover Deutschland den Rekord toppen – und noch eine ordentliche Schippe obendrauf legen. Das wĂŒrde gut zum 70. Geburtstag der britischen Allrad-Marke passen.

Schon wĂ€hrend der Anreise wird klar: Das beschauliche Bad Kissingen, gelegen am Tal der frĂ€nkischen Saale, dĂŒrfte bezogen auf die Einwohnerzahl heute vermutlich die höchste Dichte an Land Rovern in ganz Deutschland aufweisen. Auf der Autobahn sind -zig Land Rover unterwegs gen Bad Kissingen. Fahrzeuge aller Modellreihen und aller Baujahre sind zu sehen: Freelander, Evoques, Range Rover, Discoverys, ĂŒberwiegend jedoch Defender. Viele von ihnen aufgerödelt fĂŒr Reisen abseits aller befestigten Straßen, mit Dachzelt, Sandblechen, Seilwinden, dicken Reifen.

Auf dem GelÀnde einer ehemaligen US-Kaserne sammeln sich die Teilnehmer. Am Morgen, gegen zehn Uhr, rollen die ersten mit ihren Land Rovern an. Sie kommen aus ganz Deutschland und aus den angrenzenden europÀischen LÀndern.

Wie zum Beispiel Christian Weinberger. Der Österreicher war mit seinem 110er-Defender fĂŒnf Jahre in SĂŒdamerika unterwegs und im September 2017 bei einem (gescheiterten) Weltrekordversuch im brasilianischen Barretos dabei. Seit wenigen Monaten ist der gelernte Koch wieder zurĂŒck in Europa. Er will in Bad Kissingen im Verlauf der Messe liebe Freunde treffen. Andere Globetrotter, die ebenso wie er dem Reisevirus verfallen sind. Eine gute Gelegenheit, den fest eingeplanten Besuch der Messe möglicherweise als Weltrekordhalter anzutreten.

Christian wird, wie einige Hundert andere Land Rover-Fahrer, am Eingang freundlich begrĂŒĂŸt und bekommt erste Instruktionen und Hinweise. Denn los geht es mit der Karawane erst am Nachmittag. Die Schlange an der Zufahrt zum GelĂ€nde, auf dem die Land Rover bis zum Start des Weltrekordversuchs geparkt werden, wird immer lĂ€nger. Am Nachmittag dĂŒrften gut 700 Fahrzeuge zusammen sein. Die Besatzungen der Land Rover sind entspannt und fiebern dem Aufbruch entgegen. Die Zeit bis zum Start vertreiben sie sich mit der Besichtigung der anderen Fahrzeuge. Kaum eines gleicht dem anderen, viele sind liebevoll individuell um- und ausgebaut.

Bis zum Start des Rekordversuchs versorgt der britische Autohersteller seine treuen Fans ĂŒber eine eigens eingerichtete Radio-Frequenz mit Infos und News. Auf 99,5 gibt es den ganzen Tag „was auf die Ohren“. Und Berichte darĂŒber, was sich so auf dem GelĂ€nde tut. Im Laufe der Stunden wĂ€chst die Spannung. Beim Veranstalter, und bei den Fahrern. Es herrscht friedliche Festival-Stimmung, viele Teilnehmer sitzen in ihren CampingstĂŒhlen bei strahlendem Sonnenschein neben ihren Fahrzeugen und „schnacken Benzin“ oder Diesel. Etliche stehen auf dem Dach ihres Wagens und schießen Fotos oder drehen Erinnerungsvideos. Denn wann sieht man auch schon mal so viele Land Rover auf einem Haufen?

So zwischen vier und fĂŒnf Uhr am Nachmittag geht es dann los. Ein halbes Jahr hat man sich bei Land Rover auf den Event vorbereitet. Und die Organisatoren weisen noch einmal ausdrĂŒcklich auf die strengen Regeln hin: Die Juroren vom Guinness-Buch bestehen darauf, dass es von Fahrzeug zu Fahrzeug nie mehr als zwei FahrzeuglĂ€ngen Abstand geben darf. Da sind Koordination und Konzentration auf der etwa acht Kilometer langen Strecke gefragt. Die erste Runde ist eine Art „Proberunde“. Vom Parkplatz aus setzt sich die schier endlose Karawane der Land Rover ĂŒber Flurwege in Bewegung. Auf einer abgesperrten Landstraße geht es weiter.

Als geĂŒbte Beobachter sind die Schiedsrichter von Guinness World Records mit dabei. Sie ĂŒberwachen mit kritischen Augen die Einhaltung der strengen Regeln. Das Einhalten des relativ geringen Abstands zum Vordermann ist gar nicht so einfach, wie sich rasch herausstellt. Hin und wieder stockt die Kolonne, die eigentlich in Bewegung bleiben soll. Die ersten Fahrzeuge des Konvois erreichen auf dem Rundkurs bereits wieder den Sammelplatz, als dort noch etliche Fahrzeuge stehen. Sie reihen sich langsam, eines nach dem anderen, in den langsam rollenden Konvoi ein. Reißverschluss-Verfahren at it‘s best. Der saharagelbe Range Rover vor mir wechselt seinen Platz mit einem 90-er Defender, auch hinter mir reiht sich einer der kantigen GelĂ€ndegĂ€nger ein, allerdings in der lĂ€ngeren Version als OneTen. Mehrfach kreist die Kolonne ĂŒber die Landstraße und die Feldwege nahe dem EventgelĂ€nde, die Fahrer gewinnen an Übung und Routine, die Karawane bleibt in Bewegung.

Das ein oder andere Fahrzeug scheidet aus der Fahrzeugschlange aus, bei den sommerlichen Temperaturen wird beim ein oder anderen Ă€lteren Fahrzeug die Bremsanlage etwas zu heiß. Vor allem bei Abbiegungen ist es schwierig, in den Kurven den geforderten geringen Abstand zum Vordermann zu halten. Aber die Karavane groovt sich ein und wird schließlich auf den Parkplatz zurĂŒck beordert.

Per Radio teilt der Veranstalter uns mit, dass man dies zwar als gutes Zeichen sehe. Aber den Rekord, nein, den habe man noch nicht ganz sicher „im Sack“. Gegen Abend setzen sich die Juroren unter der Regie der Guinness-Schiedsrichterin Sofia Greenacre zusammen, schließlich steht die aus Schweden stammende Schiedsrichterin um 20 Uhr – endlich – auf der BĂŒhne. Sie verkĂŒndet das Ergebnis: 632 Fahrzeuge werden von den Juroren gewertet. Damit steht der neue Weltrekord und hat den „alten“ mit mehr als 100 zusĂ€tzlichen Fahrzeugen sogar ziemlich deutlich getoppt. Die mehr als 1500 Teilnehmer des neuen Weltrekords feiern das Ergebnis, sich selbst und ihre Fahrzeuge. Denn sie haben die Messlatte fĂŒr kĂŒnftige Herausforderer hochgelegt.

Das vielleicht grĂ¶ĂŸte Problem bei einem kommenden Weltrekordversuch, das hat der Event in Bad Kissingen gezeigt, ist eine zu hohe Geschwindigkeit. Denn wenn die Fahrzeuge nicht gleichmĂ€ĂŸig langsam fahren, gibt es schnell RĂŒckstaus und Stillstand. FĂŒr die die britische GelĂ€ndewagen-Marke rollte es zu ihrem 70-ten Geburtstag jedoch ganz ordentlich. Der Weltrekord fĂŒr das Guinness-Buch der Rekorde steht, und Land Rover hat bereits vor dem Auftakt der weltgrĂ¶ĂŸte Offroad-Messe „Abenteuer & Allrad“ ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk: die lĂ€ngste Land-Rover-Parade der Welt.

Text: Gerhard Prien