Mercedes-Benz – Lastwagen-Welterfolg mit kurzer Haube


Vor 60 Jahren begannt ein prgendes Kapitel der Mercedes-Benz Nutzfahrzeuggeschichte: Am 5. Mrz 1959 stellte die Marke in Stuttgart die neuen Kurzhauber-Lastwagen vor, zunchst die Typen L 322 und L 327 (mittelschwere Klasse) sowie L 337 (schwere Klasse).

Mercedes-Benz L 328, Pritschenwagen der Bremer Warenverteilungs-Gesellschaft Reimer & Co. Foto aus dem Jahr 1966.
Mercedes-Benz L 328, pickup belonging to Bremer Warenverteilungs-Gesellschaft Reimer & Co. Photo from 1966.

Die beiden ersten gehren der mittelschweren Klasse an, die im Werk Mannheim gebaut wird. Der L 337 mit rund 300 Millimeter lngerer Haube gehrt zur schweren Klasse und wird im Werk Gaggenau produziert. Die neuen Typen sind wie schon ihre Vorgnger ab Werk auch als Frontlenker (LP) erhltlich. Das P in der Typbezeichnung steht dabei fr Pullman und verweist auf die vergleichsweise komfortabel ausgestatteten und gerumigen Frontlenker-Fahrerhuser. Die Frontlenker-Bauweise berzeugt durch geringe Fahrzeuglnge und hohe Wendigkeit gegenber Haubenfahrzeugen mit gleicher Nutzflche und Nutzlast. Noch ist aber die Gerusch- und Wrmeemission durch den unter der Kabine liegenden Motor sehr hoch, und ohne die erst Jahre spter eingefhrte kippbare Kabine ist die Zugnglichkeit des Motors fr Wartungsarbeiten schlecht.
Mercedes-Benz schlgt 1959 mit der vllig neuen Lastwagen-Generation einen erfolgreichen Mittelweg ein: Die klassischen Nutzfahrzeuge mit langer Motorhaube und freistehenden Kotflgeln werden nicht auf einen Schlag durch Frontlenker mit komplett unter dem Fahrerhaus angeordneten Motor abgelst, sondern durch die so genannten Kurzhauber. Dabei rckt der Motor nur teilweise unter die Kabine, und das Fahrzeug hat eine markante Front mit kurzer, runder Haube. Das Design der Kurzhauber mit integrierten Scheinwerfern und Kotflgeln greift deutlich Stilelemente der Mercedes-Benz Ponton-Limousinen der Epoche auf.

Optimaler Kompromiss
Da ist die Kurzhauber-Bauweise der optimale Kompromiss zwischen klassischem Hauben-Lkw und Frontlenker: Der 1961 vorgestellte Kurzhauber L 328 (ab 1963 nach einer nderung der Typenbezeichnungen L 911) hat gegenber dem vergleichbaren Langhauber L 312 einen um 2.400 Millimeter kleineren Wendekreis. Gleichzeitig machen sich in der Kabine Gerusch und Wrme des Motors weniger stark bemerkbar als beim Frontlenker LP 328/LP 911. Es gibt genug Platz fr einen dritten Sitz zwischen Fahrer und Beifahrer. Schlielich ist der Motor fr Wartungsarbeiten besser zugnglich. Mercedes-Benz beschreibt die Vorzge in der Pressemappe zur Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main (IAA, 17. bis 21. September 1959) so: Das in vier Punkten in Gummi aufgehngte, moderne Ganzstahlfahrerhaus mit Dreh- und Kurbelfenstern hat eine groe, einteilige Panorama-Windschutzscheibe und zwei Rckwandfenster aus Sicherheits-Hartglas. Der Motorraum ist gegen das Fahrerhaus fest abgeschlossen und schirmt alle Motorgerusche einwandfrei ab. Smtliche Wartungsarbeiten an dem gut zugnglichen Motor werden von auen durchgefhrt.
Die Entwicklung der Kurzhauber-Lastwagen vermittelt zwischen neuen gesetzlichen Anforderungen und dem Vertrauen der Kunden in die bewhrte Mercedes-Benz Nutzfahrzeug-Technik. Denn Haubenlaster sind beliebt, gelten Kritikern aber als zu lang und zu schwer. Das will der damalige deutsche Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm Mitte der 1950er-Jahre ndern. Am 22. Mrz 1956 wird im Bundesgesetzblatt die Verordnung zur nderung der Straenverkehrs-Zulassungs-Ordnung und der Straenverkehrs-Ordnung (Abmessungen und Gewichte) mit Gltigkeit vom 21. Mrz 1956 (umgangssprachlich Seebohmsches Gesetz) verfffentlicht. Sie hat erhebliche Auswirkungen. Fr ab dem 1. Januar 1958 neu zugelassene Lastwagen und Anhnger sollen die Gesamtlnge (fr Sattelzge 13 Meter und fr Lastzge 14 Meter statt bisher 20 Meter) sowie das zulssige Gesamtgewicht (als Standard maximal 24 Tonnen statt bisher 40 Tonnen) drastisch beschrnkt werden.
Auf diese Herausforderung reagiert Mercedes-Benz unter anderem durch die Entwicklung des Frontlenker-Typs LP 333, einem von 1958 bis 1961 gebauten, dreiachsigen 16-Tonner mit zwei gelenkten Vorderachsen, im Volksmund Tausendfler genannt. Dieses vergleichsweise leichte Dreiachs-Fahrzeug nutzt geschickt die Vorschriften fr Zugfahrzeug-Gewichte aus: Whrend zweiachsige Lastwagen nur noch zwlf Tonnen wiegen drfen, hat der LP 333 ein zulssiges Gesamtgewicht von 16 Tonnen. Wird er mit einem vor dem 1. Januar 1958 zugelassenen Anhnger kombiniert, liegt das erlaubte Gesamtgewicht des Zuges bei 32 Tonnen. Das ergibt eine Nutzlast von mehr als 20 Tonnen.
Minister Seebohm revidiert nach starken Protesten schon 1957 den Zeitplan fr seine Reform. 1960 rckt er auch von den ausgeprgtesten Einschrnkungen wieder ab. Dennoch ist fr die deutschen Nutzfahrzeughersteller Mitte der 1950er-Jahre deutlich geworden, dass knftige Fahrzeuge effizienter mit Lnge und Nutzlast umgehen mssen als die bisherigen Haubenlastwagen.
Weltweites Erfolgsmodell
Die Mercedes-Benz Kurzhauber-Baureihen setzen diese schwierigen Rahmenbedingungen ausgesprochen erfolgreich um. Es gibt sie als Pritschenlastwagen, Kipper und Sattelzugmaschine, mit Allradantrieb und in der schweren Klasse auch mit drei Achsen. Die Kurzhauber-Fahrgestelle werden fr Feuerwehr und Kommunaldienste wie etwa Straenreinigung und Mllabfuhr aufgebaut und dienen als Basis vieler weiterer Anwendungen vom Betonmischer bis zum Spezialtankwagen. Die Kurzhauber sind auch im Export in Lnder auf der ganzen Welt beraus erfolgreich. Damit werden sie zu einem wichtigen Pfeiler der Internationalisierung, die die damalige Daimler-Benz AG nach dem Zweiten Weltkrieg konsequent verfolgt.
Wie beliebt die Lastwagen mit der freundlich-rundlichen kurzen Haube bei den Kunden im Vergleich zu den damaligen Frontlenkern sind, zeigt ein Blick in die Verkaufszahlen: Der erfolgreichste Kurzhauber unter den Komplettfahrzeugen ist der Typ 322, der nach der Neuordnung der Typenbezeichnungen im Jahr 1963 als Typ 1113 gefhrt wird. Die Ziffernfolge steht fr elf Tonnen zulssiges Gesamtgewicht und eine Motorleistung von 96 kW (130 PS). Als Kurzhauber-Lastwagen (L) und Kurzhauber mit Allradantrieb (LA) werden von 1959 bis 1969 mehr als 60.000 Fahrzeuge gebaut. In den Frontlenker-Varianten LP und LAP sind es zusammen weniger als 16.000 Exemplare. Insgesamt entstehen von den mittelschweren und den schweren Kurzhauber-Baureihen bis Ende der 1990er-Jahre zusammen fast eine Million Fahrzeuge. Darunter sind mehr als 650.000 komplette Lastwagen und Fahrgestelle sowie rund 300.000 Teilestze. Diese completely knocked down-Sets (ckd) werden zur Montage ins Ausland geliefert. Der weitaus grte Auftrag sind dabei 226.930 ckd-Stze des L 1210, die von 1964 bis 1979 nach Indien geliefert werden.
Im Laufe der langen Bauzeit passt Mercedes-Benz das Modellprogramm der Kurzhauber den Kundenbedrfnissen stetig an. Dazu gehren Dreiachser der schweren Klasse ab 1963, die sukzessive Einfhrung der Diesel-Direkteinspritzung ab 1964 und das grozgigere Fahrerhaus ab 1967. In die Kurzhauber-Epoche fllt auch die Neuorganisation der Nutzfahrzeugproduktion von Mercedes-Benz: Sie wird ab 1965 stufenweise ins neue Werk Wrth verlegt. Nun laufen die schweren und mittelschweren Kurzhauber nicht mehr in Gaggenau und Mannheim getrennt voneinander vom Band, sondern an einem Standort fr die Kunden in aller Welt.