Vor 100 Jahren: Blitzen-Benz geht auf Rekordjagd


Der britische Rennfahrer Lydston Granville Hornsted, bekannter unter dem KĂŒrzel L. G. oder seinem Spitznamen „Cupid“, traf zwei Tage vor dem Heiligen Abend 1913 auf der Rennbahn von Brooklands sĂŒdwestlich von London mit einem Benz 200 PS ein, um neue Bestmarken zu erzielen.

Hornsteds Durchschnitts-Geschwindigkeiten liegen bei 113,8 km/h fĂŒr die halbe Meile (804,67 Meter) und 118,8 km/h fĂŒr einen Kilometer, jeweils mit stehendem Start.
Beide Weltrekorde sind Glanzpunkte in der außergewöhnlichen Geschichte der Benz 200-PS-Rennwagen, die vor allem in den Jahren 1910 bis 1913 in den Vereinigten Staaten von Amerika als „Blitzen-Benz“ bekannt geworden sind. Zugleich erinnert Hornsteds Leistung an die legendĂ€ren Rekordfahrten von Victor HĂ©mery mit dem ersten Benz 200 PS im November 1909, als der Wagen die 200-km/h-Marke durchbrochen hat. HĂ©mery erreicht damals Durchschnittsgeschwindigkeiten von 202,648 km/h auf der Kilometer-Distanz und 205,666 km/h auf der halben Meile – jeweils mit fliegendem Start.

Hornsteds Rekordwagen ist der dritte von insgesamt sechs Benz 200 PS, die ab 1909 entstehen. Mit dem 1912 gebauten Fahrzeug gewinnt Fritz Erle unter anderem die Bergrennen in Gaillon und in Limonest (Frankreich). Dann erkundigt sich im Jahr 1913 L. G. Hornsted in Mannheim nach einem leistungsstarken Fahrzeug fĂŒr Renn- und RekordeinsĂ€tze. Der englische Rennfahrer, der als Berufe Fahrer, Mechaniker und Tester angibt, ist zu dieser Zeit bereits als ReprĂ€sentant fĂŒr Benz & Cie. in England tĂ€tig. Mit dem Benz 200 PS will er an seine frĂŒheren Erfolge auf Ă€lteren Benz-Rennwagen anknĂŒpfen.

GegenĂŒber der ursprĂŒnglichen Konfiguration des Fahrzeugs hat Hornsted eine Reihe von ÄnderungswĂŒnschen. Unter anderem erhĂ€lt das Auto eine modifizierte KĂŒhlermaske, einen aufsetzbaren Windabweiser und auch technische Modifikationen. Der Legende nach wird der gewaltige Auspuff des 21,5-Liter-Vierzylindermotors dabei durch den Anbau eines Ofenrohrs bis zum Fahrzeugheck verlĂ€ngert.

Im November 1913 debĂŒtiert das nun blau lackierte Fahrzeug in Brooklands, und am 22. Dezember stellt Hornsted die ersten Rekorde auf. Doch damit gibt sich der junge Mann, der 1884 als Sohn des britischen Vizekonsuls in Moskau geboren wurde, nicht zufrieden und tritt im Januar 1914 mit dem Benz 200 PS zu insgesamt sieben weiteren Rekordfahrten an.

Den Anfang macht er am 14. Januar mit Weltrekorden ĂŒber zwei Meilen (122,05 mph, 196,38 km/h) und fĂŒnf Meilen (116,08 mph, 186,77 km/h) mit fliegendem Start. FĂŒnf Monate spĂ€ter, am 24. Juni 1914, fĂ€hrt Hornsted in Brooklands eine Meile mit 124,12 mph (199,71 km/h). Dies ist der erste Rekord nach der neuen Zweiwegeregel, als Durchschnittsgeschwindigkeit von zwei LĂ€ufen in entgegengesetzten Richtungen und zugleich die bis dahin schnellste in Brooklands ĂŒberhaupt gemessene Geschwindigkeit. Im Juli erzielt Hornsted mit dem berĂŒhmten Fahrzeug beim Kilometerrennen in Ostende, Belgien, die beste Zeit der Rennwagen mit 189,5 km/h.

Noch im Jahr 1914 kehrt der Rekordwagen zu Benz & Cie. nach Mannheim zurĂŒck, wo er wĂ€hrend des Ersten Weltkrieges in der Versuchsabteilung bleibt. Nach Kriegsende montieren die Mechaniker des Mannheimer Unternehmens auf das Chassis des Hornsted-Wagens eine neue im klassischen Weiß lackierte Karosserie. Das Fahrzeug startet 1921 beim Eröffnungsrennen der Avus in Berlin und 1922 beim Kilometerrennen in Scheveningen in den Niederlanden. Im Juli 1922 geht der Wagen wieder nach Brooklands, wo er mit H. V. Barlow am Steuer erfolgreich einige Rennen bestreitet. Am 30. September 1922 wird der Wagen bei einem Unfall nahezu vollstĂ€ndig zerstört, als er am Ende eines Rennens ĂŒber die BrĂŒstung der nördlichen Steilwandkurve hinausschießt.