Vor 125 Jahren: Erstmals Automobile exportiert


Stuttgart – Der Automobilexport beginnt im Jahr 1888: Carl Benz und Gottlieb Daimler vermarkten ihre Produkte auch und vor allem ĂŒber den Auslandsvertrieb und legen damit den Grundstein fĂŒr eine weltweite Erfolgsgeschichte.

Damals sind sie noch Konkurrenten: Im Jahr 1886 erfinden sie unabhÀngig voneinander das Automobil. Erst 1926 fusionieren die Unternehmen Benz & Cie. sowie die Daimler-Motoren-Gesellschaft zur Daimler-Benz AG.
Zwei SchlĂŒsselmĂ€rkte gibt es zunĂ€chst im Jahr 1888. Sowohl Benz wie auch Daimler vermarkten ihre Produkte in Frankreich, und Daimler setzt zudem auf den Vertrieb in den USA. Beide Nationen sind dem jungen technischen Produkt gegenĂŒber sehr aufgeschlossen. Es ist eine Pionierzeit – der Vertrieb des neuen und technisch aufwendigen Produkts Automobil muss vollstĂ€ndig neu aufgezogen werden. Anfangs werden die Produkte direkt ab Werk verkauft. Bald schon etablieren sich Handelsvertretungen im In- und Ausland, die teils in Herstellerregie, teils von privaten Kaufleuten betrieben werden. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sind Automobile dann bereits auf allen Erdteilen vertreten. In vielen
LĂ€ndern werden die neuartigen Fahrzeuge von Benz und Daimler als erste Autos ĂŒberhaupt bestaunt.
Über die Verkaufserfolge nehmen die StĂŒckzahlen zu, die Fahrzeuge werden weiterentwickelt, die Modellportfolios aufgefĂ€chert. So klingen bereits in der FrĂŒhzeit des Automobils sĂ€mtliche Themen an, die heute noch die Branche prĂ€gen – und die aus ihr auf der ganzen Welt einen starken Wirtschaftszweig gemacht haben.
Internationaler Durchbruch fĂŒr das Automobil
Der Benz „Patent-Motorwagen“ gilt als das erste Automobil der Welt. Am 29. Januar 1886 meldet Carl Benz sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ zum Patent an. WĂ€hrend Mannheimer Lokalzeitungen ĂŒber das neue GefĂ€hrt berichten und ihm eine große Zukunft vorhersagen, ist Benz selbst zunĂ€chst vorsichtig. Er ist der Meinung, dass man keinen Wagen verkaufen könne oder dĂŒrfe, solange man selber als Fachmann noch nicht ganz mit ihm zurecht komme.
Doch das Ă€ndert sich zwei Jahre spĂ€ter. Bertha Benz unternimmt im August 1888 die erste Fernfahrt mit dem Motorwagen. Mit ihren Söhnen fĂ€hrt sie von Mannheim nach Pforzheim und zurĂŒck. Das ĂŒberzeugt auch den Erfinder selbst von der ZuverlĂ€ssigkeit und Marktreife seines Produkts. Er fĂŒhrt den Motorwagen im September 1888 auf der „MĂŒnchner Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung“ vor und macht somit das Automobil einem breiteren Publikum bekannt.
Frankreich verschafft ihm dann den Durchbruch zur Serienfertigung: Das erste Exemplar des Benz-Patent-Motorwagens in der weiterentwickelten AusfĂŒhrung, bezeichnet als Modell 3, schickt Carl Benz 1888 an den französischen Ingenieur Émile Roger, der eine Werkstatt in Paris betreibt und bereits seit einigen Jahren die stationĂ€ren Benz-Zweitaktmotoren vertreibt. „Er kam, sah und kaufte, erst einen Wagen, dann mehrere, schließlich viele“, schreibt Benz in seinen Lebenserinnerungen. Vom Modell 3 werden insgesamt rund 25 StĂŒck hergestellt.

Dieser Erfolg in Frankreich ist Wegbereiter fĂŒr die weitere Fabrikation. Denn in Deutschland finden die Automobile von Benz zum damaligen Zeitpunkt nur wenige KĂ€ufer, wie der Erfinder 1914 in einem Brief an das South Kensington Museum in London schreibt. Der Leiter hatte ihn um eine authentische Auskunft ĂŒber einen Benz Patent-Motorwagen aus dem Jahr 1888 gebeten, der gerade in den Besitz des Museums ĂŒbergegangen war. „Erst als [Émile] Roger in Paris diese Neuerung bekannt gemacht hatte und einige Wagen dort eingefĂŒhrt und verkauft waren [
] konnten wir die Fabrikation regelrecht aufnehmen und hatten dann auch vollauf zu tun“, schreibt Benz.
Das genannte Fahrzeug ist heute im Besitz des Science Museums, London, und steht seit 2009 als vorĂŒbergehende Leihgabe im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg. Es ist das Ă€lteste komplett erhaltene Automobil der Welt.
Émile Roger ĂŒbernimmt nicht nur die Benz-Vertretung in Paris, sondern kĂŒmmert sich auch um den internationalen Verkauf. Er erhĂ€lt das alleinige Vertriebsrecht fĂŒr Frankreich und das ĂŒbrige Ausland. So wird Roger nicht nur der erste Vertreter fĂŒr Benz-Automobile, sondern bringt in der Anfangszeit auch die meisten Autos an den Mann – darunter auch das Fahrzeug, das heute im Besitz des Science Museums ist. Bis 1893 produziert die Firma Benz zwar nur 69 Fahrzeuge, aber mehr als 60 Prozent davon gehen an den Franzosen. Bis zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert liefert Benz & Cie. dann etwa ein Drittel der gesamten Produktion von gut 2.300 Automobilen nach Frankreich. Bestellbar sind Benz-Fahrzeuge in jedem Erdteil. Zum Beispiel gibt es neben Wien, BrĂŒssel, Basel, Mailand, Moskau und London auch Vertreter in Barcelona, Budapest, Buenos Aires, Bukarest, Genf, Kairo, Kapstadt, Madrid, Melbourne, Mexiko-City, Nimwegen, Oporto, Pretoria, Singapur, Stockholm, Torres-Vedras, Vevey und Warschau.
Daimler: Vertrieb mit befreundeten GeschÀftspartnern
Auch fĂŒr Gottlieb Daimler ist das Ausland anfangs der wichtigste Absatzmarkt. Seit seiner Zeit als Technischer Direktor der Gasmotoren-Fabrik Deutz in den 1870er-Jahren unterhĂ€lt er freundschaftliche und geschĂ€ftliche Verbindungen zum Pariser Anwalt Edouard Sarazin. Der Mitinhaber der „Compagnie Française des Moteurs Ă  Gaz et des Constructions mĂ©caniques“ verfolgt Daimlers Treiben mit besonderem Interesse. Als der deutsche Erfinder Anfang der 1880er-Jahre in Cannstatt mit den Versuchen am schnelllaufenden Benzinmotor beginnt, besucht ihn der Anwalt und ist im Nu begeistert von den Ideen. Die beiden Freunde vereinbaren, dass Sarazin die neuen Motoren nach der Fertigstellung in Frankreich einfĂŒhrt: Er erwirbt per Handschlag die Anwartschaft auf die Auswertung aller kĂŒnftigen Erfindungen Daimlers auf französischem Staatsgebiet.
GemĂ€ĂŸ der Vereinbarung schĂŒtzt Sarazin bereits im Jahr 1886 Daimlers bis dahin in Deutschland angemeldete Patente auch in Frankreich. 1887 verhandelt Sarazin mit dem Unternehmer Émile Levassor ĂŒber den Bau von Daimler-Motoren in Frankreich, den er wie dessen Kompagnon RenĂ© Panhard noch aus der Studienzeit an der „L’Ecole centrale“ kennt. Ende 1887 stirbt Sarazin an einem Nierenleiden – doch zuvor hatte er seine Frau gebeten, Daimlers Erfindung in Frankreich weiter zu verbreiten. Also schreibt Louise Sarazin an Gottlieb Daimler und bietet sich an, die Arbeit ihres Mannes in Frankreich fortzufĂŒhren. Dieser nimmt „von Herzen gern an“, wie er antwortet, und trifft mit der neuen GeschĂ€ftspartnerin die Vereinbarungen fĂŒr die Nutzung der Daimler-Patente in Frankreich. Die Lizenzfabrikation der Daimler-Motoren ĂŒbernimmt wie geplant Levassor.
Die Weltausstellung in Paris von Mai bis Oktober 1889 macht den schnelllaufenden Benzinmotor in Frankreich populĂ€r. Ein im Jahr 1890 erschienener Bericht zur Weltausstellung bezeichnet den Daimler-Fahrzeugmotor als die „bemerkenswerteste Konstruktion“. Das sehen andere Unternehmer offenbar ebenso: Nach der Ausstellung bieten sich einige französische Maschinenfabriken an, die Daimler-Produkte in Lizenz zu bauen. Gottlieb Daimler aber bleibt seinem Wort treu. Bereits am 5. Februar 1889 hatte er mit Louise Sarazin vereinbart, alle französischen und belgischen Patente auswerten zu dĂŒrfen, und stellte nur zwei Bedingungen: „Alle Verbesserungen und Vervollkommnungen, welche von beiden Seiten zustande gebracht werden, mĂŒssen den beiden Parteien zunutze kommen; alle Erzeugnisse mĂŒssen meinen Namen tragen und Sie werden mir keine Konkurrenz in anderen LĂ€ndern machen.“
Kurze Zeit spĂ€ter ĂŒbertrĂ€gt Louise Sarazin alle Fabrikationsrechte gegen Zahlung einer LizenzgebĂŒhr von 20 Prozent an die Firma Panhard & Levassor – 12 Prozent davon bekommt Daimler. „Auf diesen Vereinbarungen zwischen Gottlieb Daimler und Frau Sarazin einerseits und Frau Sarazin und Emile Levassor andererseits basierte die ganze französische Automobilindustrie“, heißt es dazu in einer 1950 verfassten Festschrift.
AnfÀnge 1888 in Amerika
Bereits im Sommer 1888 grĂŒndet Gottlieb Daimler mit William Steinway, dem Inhaber der gleichnamigen Klavierfabrik in New York, als Gemeinschaftsunternehmen die „Daimler Motor Company“ mit Sitz in Long Island, New York, und ĂŒbertrĂ€gt Steinway vertraglich die Auswertung seiner Patentrechte auf Motoren und Fahrzeuge in den Vereinigten Staaten und Kanada. Der Klavierbauer mit Hang zu Verbrennungsmotoren kĂŒmmert sich zunĂ€chst vor allem um das Marketing. Er versendet Prospekte und zeigt Daimlers Erfindungen in einer stĂ€ndigen Ausstellung. 1891 werden in Hartford, Connecticut, im Auftrag von Steinway „zum ersten Male in den Vereinigten Staaten von Amerika Benzin-Motoren fĂŒr Automobile erzeugt“, wie eine spĂ€ter angebrachte Gedenktafel an den Hartfordern Underwood-Werken besagt, und zwar „nach den Original-PlĂ€nen Daimlers“. Es heißt, dass Henry Ford im selben Jahr einen solchen Benzin-Motor sieht und daraufhin die Idee fallen lĂ€sst, selbstbewegliche Fahrzeuge mit Dampfmaschinen zu betreiben.