Vor 125 Jahren: Steinway startete mit Daimler in den USA


Der New Yorker Klavierfabrikant William Steinway war ein VisionÀr. Er sah die sich ihm bietenden Entwicklungschancen bei der Verwendung des Daimler Motors als stationÀre Kraftmaschine und als Antrieb von Schiffen.

Er grĂŒndete Ende September 1988 die Daimler Motor Company auf Long Island, New York. So begann vor 125 Jahren – nur zwei Jahre nach der Geburt des Automobils – Daimlers nordamerikanische Vertriebsgeschichte.

Daimler und Steinway (er stammte ĂŒbrigens aus Seesen bei Braunschweig und war als Wilhelm Steinweg geboren worden) trafen sich 1888 und erörterten ausfĂŒhrlich die Möglichkeit einer Lizenzproduktion der Cannstatter Motoren in den Vereinigten Staaten. „Habe ein langes GesprĂ€ch mit Daimler“ („Have a long talk with Daimler“), notierte Steinway anschließend in seinem Reisetagebuch.
Im August 1890 lieferte Daimler den ersten von Wilhelm Maybach konstruierten Vierzylindermotor nach New York aus. Das 451 Kilogramm schwere Aggregat hatte 6 Liter Hubraum und leistete 9 kW / 12,3 PS bei 390 U/min. Zehn Tage spĂ€ter erfolgte die Lieferung einer parallel entwickelten Variante mit 2,4 Liter Hubraum, die 153 Kilogramm wog und 4 kW / 5,9 PS bei 620 U/min leistete. Beide AusfĂŒhrungen waren fĂŒr den Einbau in Boote bestimmt.

Im folgenden Jahr 1891 ließ William Steinway dann in Hartford (Connecticut) den ersten betriebsfĂ€higen Fahrzeugmotor Amerikas nach OriginalplĂ€nen Gottlieb Daimlers in Lizenzproduktion fĂŒr die Daimler Motor Company herstellen. Gefördert wurde der Verkauf der Motoren durch die Teilnahme der DMG an der Weltausstellung in Chicago 1893. Hier zeigte das Cannstatter Unternehmen eine modifizierte Version des „Stahlradwagens“ und damit das erste betriebsfĂ€hige Automobil öffentlich in den USA. Gottlieb Daimler persönlich besuchte die Weltausstellung wĂ€hrend der Hochzeitsreise mit seiner zweiten Frau Lina.

William Steinway hatte ambitionierte PlĂ€ne fĂŒr die Motorisierung Amerikas, wie er 1895 in einem Zeitungsinterview sagte: „Die Wagen, die wir fĂŒr den amerikanischen Markt herzustellen beabsichtigen, werden 2-4 Personen befördern können und von einem Motor von 2,5 -3,5 PS angetrieben werden. Jeder Wagen wird vier verschiedene GeschwindigkeitsgĂ€nge aufweisen: 3,5, 6, 9 und 14 Meilen pro Stunde. Der Treibstoff, nĂ€mlich Petroleum, kostet etwa einen Cent pro PS und Stunde, was erheblich billiger als Pferdekraft ist.“ Daimlers Stahlradwagen hielt er „fĂŒr das hiesige Kopfsteinpflaster und die unebenen Straßen zu leicht gebaut“, weshalb die Daimler Motor Company ein Modell entwickeln und bauen wolle, das „den amerikanischen VerhĂ€ltnissen angepasst ist“. Doch Steinway starb im November 1896, zum Bau eines Automobils unter seiner Leitung kam es nicht mehr.

Steinways Erben verkauften ihren Anteil der Daimler Motor Company an die General Electric Company; von 1898 an hieß der Fertigungsbetrieb nach einer Umstrukturierung Daimler Manufacturing Company. Im Jahr 1905 schließlich wurde der erste „American Mercedes“ hergestellt, im Wesentlichen eine Kopie des Mercedes 45 PS, wie er in Cannstatt gefertigt wurde.