Winterreifen: Einst Notbehelf, heute selbstverständlich, morgen unnötig?


Seit 80 Jahren gibt es Winterreifen. Bei Schnee und Eis auf den Straßen sind sie selbstverständlich – und in vielen Ländern bei entsprechender Witterung sogar gesetzliche Vorschrift. Unsere Großväter hatten es noch nicht so gut: Die ersten Reifen speziell für winterliche Verhältnisse erschienen 1936. Populär bei uns wurden sie ab den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Auch in den USA kämpften in den 1960ern die schweren Schlitten mit den Schneemassen – wie das Video mit dem schönen Chevrolet Impala von 1965 zeigt. Ein Blick zurück.

Auf dem Bild müht sich ein verzweifelter Mensch, seine Schneeketten zu entwirren. Dahinter ein Auto, das offenbar mühelos davon rollt – mit deutlichen Reifenspuren im Schnee: Winterreifenreklame anno 1936. Damals stellte Semperit sein erstes Winterprofil vor – nicht von ungefähr ein Hersteller in Österreich. Berge und Schnee spielen in der Alpenrepublik eine überragende Rolle. Die (noch wenigen) Autofahrer damals hatten entsprechend zu kämpfen: Es gab viel mehr Schnee als heute, maschinelle Räumung heutiger Art existierte allenfalls in Ansätzen, Taumittel-Streuer (Salz) gab es schon gar nicht.

Schnee, das hieß für die allermeisten Fahrer damals, das Auto stehen zu lassen – umso mehr, als zu jener Zeit auch Scheinwerfer, Scheibenwischer und vor allem Fahrzeugheizung noch in den Kinderschuhen steckten. In Skandinavien übrigens standen die (gleichfalls wenigen) Autofahrer vor demselben Problem. Für sie brachte der finnische Hersteller Suomen Gummitehdas Osaheytiö, der Vorgänger der heutigen Reifenmarke Nokian, ebenfalls 1936 den „Hakkapeliitta 75“ heraus. Sogar schon zwei Jahre früher präsentierte man den „Kelirengas“ (übersetzt: „Winterreifen“) für Lastwagen.

Der damalige „Goliath“ von Semperit hatte ein grobes, in der Mitte S-förmig gewundenes Profil mit ausgeprägten seitlichen Greifklauen. Es sollte vor allem in tiefem Schnee zupacken. Vorbild war das Militär mit seinen Reifen für hartes Gelände. Sie zeichneten sich aus durch tief eingeschnittene Profile mit ausgeprägten seitlichen Greifklauen. Sie sollten den Schnee zu einer Art Zahnschiene zusammenpressen, in die sie dann wie ein Zahnrad eingreifen konnten.

Mit den 1950er-Jahren kam das Wirtschaftswunder und keimte der erste Winter-Tourismus mit dem Auto – ab 1952 mit den ersten „M+S“-Reifen für „Matsch und Schnee“. Continental war ganz früh dabei: Der „M+S 14“ erschien 1952. Sein Profil wieder mit ausgeprägten seitlichen Greifklauen hätte auch zu einem Trecker gepasst. Immerhin: Der VW Käfer entwickelte sich mit solchen Reifen auf den Hinterrädern (und mit seinem Heckmotor, der diese Antriebsräder kräftig belastete) alsbald zum Schneekönig. Mit senkrecht angeschnallten, damals reichlich zwei Meter langen (Holz-)Latten am Heck brachte er unsere (Groß-)Väter scharenweise in die emporkommenden Skigebiete.

1959 hatte Pirelli eine Idee, die in Zukunft vielleicht wieder Bedeutung bekommen könnte: Beim „BS 3“ ließ sich die Lauffläche auswechseln – das Sommerprofil abnehmen und ein Wintermantel überziehen. Die 60er-Jahre brachten die Spikes, die Hartmetallkrallen. Ihre Wirkung auf Eis ist noch immer unerreicht. Sie kratzten aber dermaßen rasch Rillen in den Straßenbelag, dass sie ab 1975 verboten wurden. Nur für Fahrräder sind sie noch erlaubt – und (mit Einschränkungen) in einigen nordischen Ländern.

Die Industrie mühte sich, brauchbare Haftung auf Eis auch ohne Nägel zu erreichen. Ihr kam zugute, dass sich in den 70ern der Radialreifen durchsetzte. Unter dem Profilgummi befindet sich bei ihm ein viel steiferer Unterbau, der Reifen verformt sich weniger beim Abrollen. Das Profil mit seinen Kanten kann so viel besser greifen, ganz besonders, seitdem zahlreiche feine Schnitte („Lamellen“) für eine viel größere Zahl dieser feinen Kanten sorgen.

Auch die Reifen-Chemiker waren nicht untätig: Statt wie früher vor allem Ruß als Füllstoff zu verwenden, greifen sie heute zu Kieselsäure („Silica“). Ruß ist nur noch in verschwindenden Mengen enthalten und hauptsächlich, um den Reifen weiterhin schwarz aussehen zu lassen. Die Älteren unter uns erinnern sich noch an den „blauen“ M+S-Reifen von Metzeler, der den Umschwung im Reifengummi auch optisch zur Geltung bringen sollte. Leider ohne Erfolg: Die altbewährte Münchener Marke fertigt heute nur noch Motorradreifen (und dazu unter anderem Schaumstoff-Matratzen).

Die neuen Silica-Mischungen wurden später ein umso größerer Erfolg. Inzwischen haben sie sich international durchgesetzt. Heute enthält das Laufstreifengummi oft so genannte Nasstraktionsharze. Sie entwickeln eine Art Klebeeffekt auf Nässe und erhöhen den Grip auf feuchter Fahrbahn. Neue Bestandteile im Gummi, oft pflanzliche Öle (z. B. Rapsöl oder „Löwenzahn“ bei Continental) sorgen dafür, dass das Profilgummi bei Kälte weich und elastisch bleibt – und mithin griffig.

Text: Markus Gersthofer / Adrien Duncan